1. VORÜBERLEGUNGEN
Am 11. Januar 1923 rückten 45.000 belgische und französische Soldaten ins Ruhrgebiet ein. Kurze Zeit später waren es schon über 60.000 (Hannig 2022: 61) und Ende März sogar rund 100.000 (Krumeich 2004: 16). Der Grund für die Besetzung der Herzkammer der deutschen Industrie nur wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs lag dem französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré zufolge auf der Hand: Die Soldaten sollten die Ingenieure und Beamten beschützen, welche sicherstellen mussten, dass das Deutsche Reich seinen aus dem Versailler Vertrag resultierenden Verpflichtungen nachkomme. 1 Tatsächlich war die Weimarer Republik mit ihren Reparationszahlungen im Rückstand. Die Präsenz alliierter Truppen erhöhte allerdings nicht die Kooperationsbereitschaft der Deutschen. Im Gegenteil. Sie waren empört und, da das Land für militärische Gegenmaßnahmen zu schwach war, rief Reichskanzler Wilhelm Cuno noch am 13. Januar 1923 den passiven Widerstand aus. Zwar kam es immer wieder zu Sabotageakten und Anschlägen, allerdings waren dies Einzeltaten (Hannig 2022: 60–65). Massiver fiel die publizistische Reaktion aus, die Nicolai Hannig als „Propagandaschlacht“ (2022: 66) beschreibt und deren „Vielfalt, […] Expressivität, Farbigkeit, Bild- und Wortreichtum“ Gerd Krumeich (2004: 22) hervorhebt.
Zu den zentralen Akteuren dieser medialen Verteidigung zählt Krumeich ebenfalls Satirezeitschriften, die mit vielen Texten, aber vor allem mit Karikaturen das Zeitgeschehen kommentierten und die, aus ihrer Sicht, aggressive Politik der Alliierten attackierten. So finden sich auf den Seiten von Kladderadatsch 2 oder von Der Wahre Jacob 3 zahllose Zeichnungen, die das Handeln Frankreichs anprangern und die Zurückhaltung der internationalen Gemeinschaft kritisieren. Diese Zeitschriften laden insofern dazu ein, die damals vorherrschende Wahrnehmung des Anderen – allen voran Frankreichs – zu untersuchen und die Argumentationsstrategien sowie Diskurse der Zeitgenossen zu beleuchten. Dabei ist Julia Schäfers Aussage zu beachten: „Die Kommunikation der karikaturistischen Bilder verläuft schwerpunktmäßig über die Konstruktion von Gesichtern, die wiederum als ein Spiegel des Innenlebens betrachtet werden.“ (2005: 210) Diese Einschätzung belegt das Interesse, die satirischen Zeichnungen unter der besonderen Berücksichtigung der menschlichen und tierischen Antlitze zu untersuchen. Oder anders formuliert, inwiefern transportieren die Gesichter der 1923 4 in den Karikaturen dargestellten Akteure zentrale Elemente der Diskurse 5 über Frankreich?
Um diese Frage zu beantworten, werden KLA sowie WJ untersucht. Sie gehören zu den traditionsreichsten deutschen Satirezeitschriften und sind in Hinblick auf den Platz, den sie Karikaturen einräumen, vergleichbar. Zwar ist der wöchentlich erscheinende KLA mit meist sechszehn Seiten pro Ausgabe doppelt so umfangreich wie WJ, der nur alle vierzehn Tage die Druckerpresse verlässt. Allerdings entdecken die Leser beider Blätter stets auf der ersten und der letzten Seite jeder Ausgabe ganzseitige Karikaturen, zu denen in KLA wie in WJ noch eine variierende Zahl weiterer Zeichnungen im Innenteil kommen. Insgesamt ergibt sich damit ein Korpus von über 200 Karikaturen, 6 die jedoch in Satirezeitschriften veröffentlicht wurden, die unterschiedlichen politischen Strömungen nahestehen. So beschreibt Ursula Koch WJ als „SPD-Witzblatt“ und einen „publizistische[n] Pfeiler der Republik“, während sie KLA als Satirejournal „des rechten Spektrums“ vorstellt (Koch 1999: 11).
Zudem bietet die vorliegende Untersuchung die Gelegenheit, eine Forschungslücke zu schließen. Anlässlich des 100. Jubiläums der Ruhrbesetzung erschienen zahlreiche Bücher, die sich mit dem Krisenjahr befassen. Allerdings hat sich nur Detlev Mares mit einer Satirezeitung, Simplicissimus, befasst (2022: 220–239), während Mark Jones in 1923. The Crisis of German Democracy Witzblätter nicht berücksichtigt (2023: 374). Ähnliches gilt für Volker Ullrichs Deutschland 1923. Er untersucht zwar in einem eigenen Kapitel kulturelle Produkte jener Zeit, Satirezeitschriften zählen aber nicht dazu (2022: 273–317). Und in der Ausstellung des Ruhr Museums Essen lag der Fokus auf Plakaten, Postkarten und Realien, während Satirezeitschriften nur am Rande eine Rolle spielten (Wuttke 2023: 15–30 und Unverferth 2023: 109–122). Dies gilt auch für den 2004 von Gerd Krumeich und Joachim Schröder herausgegebenen Sammelband Der Schatten des Weltkriegs. Die Ruhrbesetzung 1923. Krumeich untersucht dort unter anderem die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts, allerdings verweist er nur einmal exemplarisch auf eine Karikatur aus KLA (2004: 22). Eine systematische Untersuchung der Karikaturen in KLA und WJ fehlt daher noch. Deshalb muss zunächst im folgenden Teil kurz skizziert werden, wie sich die Satirezeitschriften zu den damals vorherrschenden Diskursen positionieren. Darauf aufbauend werden die Gesichter Mariannes, französischer Soldaten und Poincarés im zweiten Teil betrachtet. Danach folgt noch eine knappe Untersuchung der Tiere, die in KLA und in WJ Frankreich verkörpern.
2. ZWEI TRÄGER DES VORHERRSCHENDEN DISKURSES
Beim Durchblättern der Ausgaben von KLA und WJ aus dem Jahr 1923 wird deutlich, dass die Periodika der Ruhrbesetzung viele Seiten widmen. Zudem fällt auf, dass die Karikaturisten Topoi aufgreifen, die seit dem Ersten Weltkrieg fest etabliert sind.
Ein wiederkehrendes Thema ist die Darstellung Frankreichs als Aggressor und Deutschlands als Opfer – etwa in KLA vom 13. Mai 1923. Hier ist eine vierteilige Bilderserie von Oskar Garvens abgedruckt, die den Titel „Wie oft noch?“ trägt (KLA 1923: 315). Der Künstler verlängert die Geschichte der Nationalstaaten in die Vergangenheit. So wird aus dem römischen General Varus ein Vorgänger Ludwigs XIV., Napoleon Bonapartes und Raymond Poincarés, die an der Spitze ihrer Streitkräfte mit Feuer und Schwert in Deutschland einfallen. Damit vergleicht Garvens eine regional begrenzte Militäraktion mit blutigen Eroberungskriegen.
Die Gleichsetzung des französischen Ministerpräsidenten mit dem ersten Kaiser der Franzosen findet sich auch in WJ am 5. Januar. Dort ist zu sehen, wie Poincaré beim Barbier sitzt und „sich den Bart abnehmen [lässt], um Napoleon noch ähnlicher zu werden.“ (WJ 1923: 12) Die Opfer-Thematik wird dagegen von einem unbekannten Künstler in WJ vom 11. Mai 1923 aufgegriffen. Er verbindet die Begeisterung für das alte Ägypten, welche die Entdeckung des Grabs von Tutanchamun ausgelöst hatte (Baumann 2022: 205–207), mit der Ruhrbesetzung. Die Karikatur zeigt im Stil eines ägyptischen Wandreliefs Sklaven, die von einem Vorarbeiter mit einer Peitsche angetrieben werden. Darunter steht: „Bei den Ausgrabungen im neuentdeckten Pharaonengrab stellte man fest, daß die Ruhrmethoden bereits damals üblich waren.“ (WJ 1923: 92) Trotz der kreativen Gestaltung dieser Karikatur ist die Botschaft eindeutig: Im Ruhrgebiet beuten die Franzosen die Deutschen aus. Dieser Diskurs war im damaligen Deutschland weit verbreitet und laut Gerd Krumeich kein Elitenphänomen: „[D]ie Deutschen […] sahen das Besatzungsregime von 1923 als reine Willkürherrschaft an, als typischen französischen Herrschaftsanspruch über Teile Deutschlands, in der Tradition Ludwigs XIV. und Napoleons.“ (Krumeich 2004: 9).
Ein weiteres Element, das die Karikaturen von KLA und WJ mit der öffentlichen Meinung der Zeit verbindet, ist der Rassismus und die Kritik an französischen Kolonialtruppen. Am 28. Januar 1923 widmet KLA so eine Doppelseite der Karikatur „Der Frieden von Versailles“ von Arthur Johnson. Sie zeigt einen Krieger schwarzer Hautfarbe, der über ein mit Kinder- und Frauenleichen bedecktes Feld reitet. Der nackte, muskulöse Mann, der auf einem kräftigen, aber durstigen Pferd sitzt, kümmert sich nicht um die toten Zivilisten, sondern blickt stolz in die Ferne, wodurch er unmenschlich und fast diabolisch wirkt (KLA 1923: 56–57).

Abb. 1:
Wie oft noch? (von Oskar Garvens, KLA, 13. Mai 1923, S. 315, Universitätsbibliothek, Universität Heidelberg).

Abb. 2:
Der Frieden von Versailles (von Arthur Johnson, KLA, 28. Januar 1923, S. 56–57, Universitätsbibliothek, Universität Heidelberg).7
Schwarze Kolonialtruppen führt Frankreich auch in WJ ins Feld. Auf der Titelseite der Ausgabe des 13. April zeigt Georg Kretschmar, wie ein Säbel schwingender Poincaré, der die Leser entschlossen – oder gar besessen – anblickt, mit einer Einheit aus dunkelhäutigen Soldaten einen Fluss überquert und in ein Industriegebiet eindringt. Angesichts des historischen Kontextes handelt es sich zweifellos um den Rhein und das Ruhrgebiet. Die Bildunterschrift verrät noch, dass Poincaré seinen Kämpfern dabei einen leichten Sieg versprach (WJ 1923: 69). Aus heutiger Sicht wirkt diese Karikatur – von der militärischen Aggression abgesehen – wenig problematisch, doch Kretschmar knüpft an rassistische Ressentiments seiner Zeitgenossen an. Meltem Kücükyilmaz (2023: 123) 8 schreibt dazu, dass der Einsatz solcher Einheiten von den Deutschen als Provokation empfunden wurde.
Andere Karikaturen der beiden Zeitschriften zeigen ebenfalls französische Kolonialtruppen und tragen damit zur „Schwarze Schmach“-Propaganda 9 bei. Dies unterstreicht erneut, dass KLA und WJ Träger des vorherrschenden Diskurses sind und auch, wie stark die Empörung im damaligen Deutschland war. Tatsächlich ist die von den Periodika suggerierte Omnipräsenz schwarzer Soldaten nicht durch die Forschung gedeckt. Stanislas Jeannesson schreibt: „On a pris soin de laisser en arrière les détachements de soldats africains ou algériens, afin de ne pas exciter le racisme des populations allemandes, comme cela avait été le cas en 1919–1920.“ (1997: 154) 10
Die Inszenierung der Deutschen als Opfer und die Fortschreibung der „Schwarze Schmach“-Propaganda verbinden die zwei Satirezeitschriften, die auf diese Weise den nationalen Zusammenhalt stärken und der weitverbreitenden Erregung Ausdruck verleihen. An die Dissertation von Viviane Rouquier (2012: 22) anschließend kann daher konstatiert werden, dass die Karikaturen zu einer Waffe in der politischen und medialen Auseinandersetzung wurden.
Dennoch fallen auch Unterschiede zwischen den Zeitschriften auf, die sich in der Behandlung der erwähnten Topoi zeigen. So wirken die Zeichnungen in KLA brutaler als die in WJ. Während etwa das sozialdemokratische Satireheft nur die Präsenz von schwarzen Kolonialtruppen erwähnt und Poincaré in einem Friseursalon zu Napoleon mutiert, assoziiert das rechte Periodikum die schwarzen Soldaten mit Tod und Elend und präsentiert Poincaré als Wiedergänger des brandschatzenden Ludwig XIV. Diese Diskrepanz lässt sich mit der politischen Orientierung der Presseerzeugnisse erklären. Während das Arbeiterlager bei aller nationaler Begeisterung von Anfang an bemüht ist, Distanz zu „nationalistischen Exzessen“ (Ullrich 2022: 35) zu wahren, scheint KLA die Entrüstung noch weiter zu schüren.
Von diesen Unterschieden abgesehen wurde dennoch deutlich, wie die beiden Periodika Teil der antifranzösischen Propagandamaschinerie wurden, indem sie sich die damals dominanten Diskurse zu eigen machten. Zudem muss hier noch an den stolzen Blick des Kriegers in KLA und den besessenen Poincarés in WJ erinnert werden. Sie deuten bereits die Bedeutung der Gesichter an, die nun genauer untersucht wird.
3. MARIANNE, SOLDATEN UND POINCARÉ
Viele Personen verkörpern in KLA und in WJ Frankreich: Militärs, Raymond Poincaré und Marianne. Mit ihr beginnen die Untersuchungen dieses Abschnitts.
In KLA ist die Allegorie Frankreichs fast allgegenwärtig. Am häufigsten tritt sie in Karikaturen Arthur Johnsons auf. Ein repräsentatives Beispiel stellt die Marianne dar, die sich in KLA vom 16. September 1923 weigert, ihre Kriegsschulden bei Uncle Sam und John Bull zu begleichen (KLA 1923: 593).
Diese Karikatur verrät auch, dass die Macher des KLA die größeren internationalen Zusammenhänge des Ruhrkampfes durchschauen. Der Fokus dieser Untersuchung liegt aber auf dem Gesicht Mariannes. Sie erscheint als große, etwas magere Frau mit eher kurz geschnittenen Haaren. Zudem trägt sie ein langes rotes Kleid, das ihre Brüste nur teilweise bedeckt, schwarze Handschuhe, die bis über ihre Ellenbogen reichen, sowie eine phrygische Mütze. Ferner raucht sie. Offenbar arbeitet diese Marianne in einem Vergnügungsviertel und ist keine seriöse Geschäftspartnerin, wie ihre Weigerung, Kredite zu begleichen, suggeriert. Ihr Gesicht verstärkt diesen Eindruck. Vergleicht man die Lippen der drei abgebildeten Allegorien, so bemerkt man, dass Marianne Lippenstift trägt, eine vergleichsweise spitze Nase und schmale Augen hat. Dadurch wirkt ihr Blick kalt und verächtlich.
Wie negativ diese Darstellung der Allegorie Frankreichs ist, fällt auf, wenn man sie mit einem französischen Bild dieser Zeit vergleicht – etwa mit der Marianne, die das Cover der Beilage des Petit Journal vom 10. März 1912 ziert. Hier ist ihr Antlitz nobler und weniger verführerisch: Ihre langen Haare sind zu einem Knoten zusammengebunden und ihre Nase runder. Außerdem hat sie keinen Lippenstift aufgetragen (Le Petit Journal. Supplément illustré 10. März 1912: 1). 11

Abb. 3:
Die zartfühlende Schuldnerin (von Arthur Johnson, KLA, 16. September 1923, S. 593, Universitätsbibliothek, Universität Heidelberg).

Abb. 4:
Un mouvement national en faveur de l’aviation militaire (von einem unbekannten Künstler, Le Petit Journal. Supplément illustré, 10. März 1912, S. 1, Bibliothèque nationale de France).
Auch in WJ wird Marianne porträtiert – allerdings seltener als in KLA –, um Frankreichs vermeintlich wahren Charakter zu zeigen. So am 8. Juni 1923 (WJ 1923: 107). Hier zeichnet der Karikaturist eine Marianne, die vor einem Spiegel steht und dem Betrachter den Rücken zuwendet. Durch die gewählte Perspektive ist das Spiegelbild zu sehen und die Leser können Medusa erblicken, die zusätzlich zu den Schlangen, die ihr statt Haaren aus dem Kopf wachsen, noch einen Helm sowie ein Kettenhemd trägt und eine Handgranate in der Hand hält. Während die Bildunterschrift Mariannes Erstaunen ob dieses Spiegelbilds ausdrückt, verstärkt das Gesicht der Medusa das negative Bild von Frankreich: Ihre großen Augen wirken bedrohlich, ihre harten Gesichtszüge entsprechen denen eines Soldaten und zudem presst Medusa ihre Lippen fest zusammen, wobei die Mundwinkel leicht nach unten gebogen sind. Wie in KLA erscheint Marianne hier nicht als noble Inkarnation Frankreichs, sondern als monströse Personifizierung eines militaristischen Landes.
Andere Karikaturen, die Marianne als Apachin (KLA 1923: 241), 12 erneut als verführerische und leicht bekleidete Mitarbeiterin eines Lokals im Rotlichtmilieu (KLA 1923: 152) oder als totbringende Säerin (WJ 1923: 117) 13 darstellen, funktionieren ähnlich. Stets ist das Gesicht ein die Gesamtaussage verstärkendes Element, welches die moralische Integrität Mariannes, und damit Frankreichs, untergräbt. Dass dieses Motiv wiederholt wird, ist kein Zufall. Ursula Koch urteilt hierzu: „[S]tändige Wiederholung sowie Kumulation und Konsonanz beeinflussen nicht nur den Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung, sondern führen darüber hinaus […] zur Entstehung und Verfestigung von Klischees und Stereotypen.“ (Koch 2011: 5).
Neben Marianne verkörpern auch französische Soldaten ihr Land. Etwa in der Karikatur „Lohntag“ von Werner Hahmann, die am 25. Februar 1923 in KLA erschien (KLA 1923: 112). Sie zeigt einen Militär, der einen Faustschlag eines deutschen Arbeiters ins Gesicht bekommt. Dieser ist so stark, dass dem erschrockenen Soldaten die Pistole entgleitet und er beinahe stürzt. Der Faustschlag wird dabei als der gerechte Lohn präsentiert, den – laut Titel und Bildunterschrift – die Besatzungsmacht eines Tages erhalten wird. Die Schwäche des Soldaten wird durch physische Merkmale zusätzlich unterstrichen. So ist letzterer leicht übergewichtig 14 und offenbar nicht firm genug, um sich gegen den deutschen Arbeiter zu verteidigen, der allerdings nicht komplett gezeigt wird. Das Gesicht des Soldaten ergänzt die Darstellung seiner körperlichen Unterlegenheit nur geringfügig: Er ist nicht ordentlich rasiert, was eine gewisse laissez-aller-Haltung und damit Dekadenz in der französischen Armee suggerieren soll.
Eine ähnliche Gegenüberstellung ist am 29. März in WJ zu finden (WJ 1923: 68). Ein französischer Offizier begegnet hier einem deutschen Arbeiter, der ihm versichert, dass seine Kollegen und er ihr Vaterland nicht verraten würden. Der Karikaturist Georg Kretschmar präsentiert dabei die beiden Männer, die sich wie in einem Duell breitbeinig gegenüberstehen, auf Augenhöhe und jeweils fest entschlossen sich in diesem Konflikt durchzusetzen. Dieser Eindruck wird durch ihre Gesichter verstärkt. Der Soldat und der deutsche Arbeiter schauen sich in die Augen, ohne eine Miene zu verziehen, und es wirkt, als würden sie die Stärken und Schwächen des Anderen abschätzen. Anders als in KLA wirkt der französische Militär hier nicht schwach und sein Gegenüber holt auch nicht zu einem Schlag aus. Vielmehr würdigt Kretschmar den Arbeiter, der sich selbstbewusst dem Offizier stellt. 15
Insgesamt wird in beiden Satirezeitschriften das Scheitern der französischen Soldaten gezeigt. Ihnen gelingt es nicht, in konkreten Situationen adäquate Lösungen zu finden und sich gegen die Arbeiter durchzusetzen.
Häufiger als die Gesichter von Militärs ist jenes Poincarés in den Periodika zu finden. Beispielsweise in KLA vom 27. Mai 1923, indem Oskar Garvens eine Karikatur veröffentlicht, die den Titel „Xerxes an der Ruhr“ trägt (KLA 1923: 338).
Dieser verweist auf den persischen König, den die Griechen 480 und 479 vor Christus in mehreren Schlachten besiegt hatten. Garvens hat aber keine Kampfszene ausgewählt. Er greift eine von Herodot überlieferte Legende auf, der zufolge Xerxes das Meer zur Strafe auspeitschen ließ, da es persische Brücken über den Hellespont zerstört hatte (Herodot 1951: 78 [VII 34–35]). Diese sinnlose Handlung hat später Eingang in die Alltagssprache gefunden. Noch heute bedeutet der Ausdruck „Schlag ins Wasser“, den Garvens in der Bildunterschrift selbst bemüht, dass eine Aktion nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Die Überschrift der Karikatur und die Industrieanlagen im Hintergrund machen deutlich, dass es um das Scheitern der Ruhrbesetzung geht. Garvens zeigt französische Soldaten, die das Wasser auspeitschen, im Mittelpunkt steht aber ein Politiker, dessen Gesicht und Figur auf Poincaré verweisen. Auch er schlägt das Wasser – da die Botschaft der Karikatur damit eindeutig ist, hätte sich der Karikaturist mit einem neutralen Gesicht zufriedengeben können. Das tut er aber nicht. Poincarés Gesicht ist vor Wut verzerrt und wirkt unharmonisch. Dadurch erscheint der französische Ministerpräsident entmenschlicht. Dieser Aspekt wird durch die Assoziierung Poincarés mit Xerxes weiter ausgeführt. Immerhin bezeichneten die antiken Griechen fremde Völker als Barbaren. Poincaré wird daher nicht nur zu einem erfolglosen Politiker, sondern auch zu einem unzivilisierten Herrscher. Wie durch die im vorherigen Kapitel erwähnten Kolonialtruppen wird hier ein Zivilisationsbruch durch Frankreich suggeriert.

Abb. 5:
Xerxes an der Ruhr (von Oskar Garvens, KLA, 27. Mai 1923, S. 338, Universitätsbibliothek, Universität Heidelberg).
Diese Kulturkritik greift ebenfalls WJ auf. Am 17. August 1923 zeigt Alois Florath Poincaré als „Kollegen“ von „Attila, Tamerlan [und] Dschingis Khan“, die mit ihren Reitern in der Spätantike und im Mittelalter Angst und Schrecken in Europa verbreitet haben (WJ 1923: 148). Allerdings vertieft das Gesicht des Politikers hier nur geringfügig die Interpretation des Dargestellten. Dies ist in WJ oft der Fall – etwa wenn Poincaré beim Abtransport eines Tresors gezeigt wird (WJ 1923: 40). Anders verhält es sich in der Ausgabe vom 2. Februar 1923. Die Karikatur von Arthur Krüger trägt den Titel „Im Wirtshaus Zum wilden Mann“ (WJ 1923: 25) und zeigt das Innere einer Gaststube, deren Einrichtung von einem kräftigen, eine Keule schwingenden Mann mit Bart und wenig Haaren auf dem Kopf komplett zerstört wurde.
Die Vermutung, dass es sich hier um Ruhrbesetzung und Raymond Poincaré handelt, wird durch Industrieanlagen im Hintergrund und einen erschreckten John Bull, der durch das offene Fenster in die Wirtsstube blickt, plausibel. Die Kritik am als gewalttätigen Unruhestifter porträtierten Ministerpräsidenten wird durch sein Gesicht weiter verschärft. Wie in der Karikatur des KLA gleicht Poincaré auch hier einem Dämon – seine Augen wirken wie besessen und er hat den Mund weit aufgerissen. Dem Betrachter drängt sich so der Eindruck auf, dass diesem Mann mit rationalen Argumenten nicht beizukommen sei.
Am Ende dieser Betrachtung bleibt festzuhalten, dass die Gesichter der dargestellten Personen nicht immer, aber meist die kritische Auseinandersetzung mit Frankreich vertiefen und so eine diskursive Bedeutung erlangen. Dies gilt für Marianne, französische Soldaten und Poincaré. Interessant ist allerdings, dass im WJ weniger Darstellungen der französischen Nationalfigur als in KLA zu finden sind. Dadurch erscheint die Kritik der sozialdemokratischen Zeitung stärker zeitgebunden.

Abb. 6:
Im Wirtshaus Zum wilden Mann (von Arthur Krüger, WJ, 2. Februar 1923, S. 25, Universitätsbibliothek, Universität Heidelberg).16
4. TIERE UND IHRE GESICHTER
Menschen als Tiere darzustellen, gehört seit der Antike zu einem bewährten Verfahren der Karikaturisten. Ein bekanntes Beispiel sind die Metamorphosen des Apuleius, in denen der Protagonist aus Versehen von seiner Geliebten in einen Esel verwandelt wird (2022: 106 [25]). Angesichts der zahlreichen Bezüge von KLA und WJ zur Geschichte bietet es sich an, die Satirezeitschriften unter diesem Aspekt zu betrachten. Der Fokus liegt dabei weiterhin auf dem Gesicht, selbst wenn Jean Trinquier (2017: 3) darauf hinweist: „la comparaison […] ne repose pas sur une similitude d’ordre psychologique ou morphologique, mais plutôt sur l’identité des situations et sur une parenté qui est d’ordre comportemental et psychoaffectif.“ 17
In KLA finden sich zahlreiche Tiere, die Frankreich verkörpern 18 – beispielsweise Schlangen, Hyänen, Hunde, Hähne, Tiger oder Affen (KLA 1923: 514, 200, 433, 343, 37, 157). Ein Vertreter der letztgenannten Tierart stellt Frankreich in einer Karikatur von Werner Hahmann vom 18. Februar 1923 dar. Es handelt sich um einen Comic, der in sechs Bildern die Geschichte des Eingreifens der USA in Europa während und nach dem Ersten Weltkrieg erzählt (KLA 1923: 95). 19 Am Anfang dreht sich alles um das Verhältnis der USA zu Frankreich, das nicht von Marianne verkörpert wird, sondern von einem Affen, der das képi eines französischen Soldaten trägt. Das Gesicht des Affen verrät dabei viel über den Charakter des Tiers und damit über Frankreich. Der Affe reißt sein Maul weit auf und zeigt seine spitzen Zähne, wodurch er wild und aggressiv wirkt. Zwar stellt der Affe, Trinquier zufolge, schon prinzipiell keine vollwertige Form des Menschseins dar, aber hier wird diese grundsätzliche Bedeutung durch das Gesicht des Tiers verschärft (2017: 5). Damit schreibt sich diese Karikatur in die zuvor beschriebenen antifranzösischen und rassistischen Diskurse ein.
Auch in WJ ist ein Affe zu sehen. Allerdings ist die am 8. Juni 1923 veröffentlichte Karikatur in erster Linie eine Kritik der Militärjustiz. Der kleine Affe selbst ist nur aufgrund des Kontextes als Verkörperung des französischen Militarismus zu erkennen und so spielt das Tier nur eine untergeordnete Rolle (WJ 1923: 101). Das ist in einer Karikatur Georg Kretschmars anders. Die Zeichnung, die am 3. August 1923 in WJ abgedruckt wurde, trägt den Titel „Cunos Grab“ und zeigt den deutschen Kanzler als neuen Laokoon, der „nicht mit den Ungeheuern fertig“ wird (WJ 1923: 140). 20 Eine der Schlangen trägt dabei die Aufschrift „Ruhrbesetzung“, und der Kopf des Reptils erinnert, wegen des képi und des Barts, an einen französischen Soldaten. Die Botschaft ist eindeutig, denn in der europäischen Kulturgeschichte symbolisiert die Schlange das Böse (Ferber 2000: 186). Wie der Affe in KLA hat das Reptil ein weit aufgerissenes Maul und wirkt dadurch gefährlich. Allerdings eröffnet der Kopf der Schlange kaum neue Bedeutungsebenen. So bleibt mit Blick auf den WJ festzuhalten, dass zwar Frankreich durchaus durch Tiere dargestellt wird, dass aber deren Gesichtsareale keine entscheidende Rolle spielen.
Dies ist in KLA anders, insbesondere in den Karikaturen Werner Hahmanns. Am 3. Juni 1923 steht ein riesiges, grünes Krokodil im Mittelpunkt seiner Zeichnung, dessen Maul weit geöffnet, dessen Augen aber geschlossen sind (KLA 1923: 651). Am linken, oberen Bildrand ist außerdem der Kopf des deutschen Michel zu erkennen. Michels Blick fällt dabei auf das Krokodil, das er vorsichtig, aber ohne Furcht betrachtet. Abgerundet wird die Darstellung durch die Bildunterschrift, die das Reptil nicht nur als Frankreich identifiziert, sondern ebenfalls als unersättlich beschreibt. Bevor der Kopf des Tiers genauer betrachtet wird, muss noch darauf hingewiesen werden, dass das Krokodil als Inkarnation Frankreichs hier nicht zufällig ausgewählt wurde. Anders als der Löwe oder der Adler zählt das Reptil nicht zu den traditionell adligen Wappentieren und es steht auch nicht für Mut oder Kühnheit. Im Gegenteil. Die Art zu jagen der Krokodile erinnert an einen Hinterhalt: Sie tauchen unter und verstecken sich unter Wasser, um dann, wenn eine potenzielle Beute an das Ufer eines Flusses oder Sees kommt, wie aus dem Nichts aufzutauchen (Chazel, Luc und Chazel, Muriel 2014: 157–158). Insofern kann man das Krokodil – wie die Schlangen – als Verkörperung des Bösen betrachten. Im vorliegenden Fall wird dieser Charakterzug durch den Kopf des Tiers weiter verstärkt: durch sein weit aufgerissenes Maul mit zahlreichen spitzen Zähnen, also Elemente, die sowohl den Hunger nach Reparationen als auch die militärischen Mittel, über die Frankreich verfügt, symbolisieren.
Am Ende dieses Teils bleibt daher festzuhalten, dass die Gesichtsareale der Tiere ebenfalls Träger von Bedeutungen sind und damit den Gesichtern der Menschen in nichts nachstehen. Allerdings trifft diese Beobachtung nur für die Karikaturen des KLA zu. In WJ spielen Tiere in den grafischen Kommentaren zum Ruhrkampf prinzipiell eine geringere Rolle und deren Köpfe daher auch. Durch diesen Verzicht auf erniedrigende Vergleiche wirkt die Propaganda des sozialdemokratischen Periodikums erneut weniger aggressiv.
5. FAZIT
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die beiden Satirezeitschriften in die damals vorherrschenden Diskurse einschreiben. Zudem wurde sichtbar, dass die Köpfe der Frankreich verkörpernden Tiere und Menschen meist zentrale Aussageelemente transportieren, ergänzen oder vertiefen – allerdings in KLA häufiger als in WJ. Damit wird ebenfalls Julia Schäfers Beobachtung bestätigt, die den Gesichtern in karikaturistischen Bildern eine zentrale Bedeutung beimisst. Insbesondere die Darstellungen Mariannes, französischer Soldaten und Raymond Poincarés bestätigen das und zeigen, wie eine genaue Betrachtung der Gesichter neue Bedeutungsebenen eröffnen kann, wie etwa wenn Oskar Garvens am 27. Mai 1923 in KLA den Ministerpräsidenten als Xerxes porträtiert. Während das Auspeitschen des Wassers das Scheitern der Alliierten verdeutlicht und sie lächerlich macht, wird Poincaré durch seinen dämonischen Gesichtsausdruck entmenschlicht. Damit thematisiert diese Zeichnung auch den Zivilisationsbruch, den die Deutschen Frankreich vorwerfen. Ein Thema, das sich durch die deutsche Propaganda im Jahr des Ruhrkampfes zieht und das sich nicht nur auf die „Schwarze Schmach“-Kampagnen beschränkt. Diese Kreativität, mit denen die Karikaturisten das Zeitgeschehen kommentieren, eröffnet damit weitere Einblicke in die Epoche, skizziert den Erfahrungshorizont der Zeitgenossen und unterstreicht so den Quellenwert der beiden Satirezeitschriften.
Zugleich werden auch Unterschiede zwischen WJ und KLA sichtbar, die sich mit der politischen Ausrichtung der Periodika erklären lassen. Während die sozialdemokratische Zeitschrift die Arbeiter würdigt und in ihrer Kritik an Frankreich etwas zurückhaltender ist, stellt sich das rechte Witzblatt engagiert in den Dienst der nationalen Propaganda. Diese verschiedenen Orientierungen werden ebenfalls deutlich, wenn man die anderen behandelten Themen betrachtet. So fällt beispielsweise die Kritik an Inflationsgewinnern und Wucherern in WJ heftiger aus als in KLA.
Die dem Thema inhärente transnationale Komponente konnte dagegen nur angedeutet werden, etwa am Beispiel einer Darstellung aus dem Petit Journal sowie anhand exemplarischer Vertiefungen in mehreren Fußnoten. Das gesamte Potenzial eines solchen deutsch-französischen Vergleichs auszuschöpfen, bleibt deshalb einer weiteren Untersuchung vorbehalten. Sie muss sich damit befassen, welche Motive und Diskurse aus dem Nachbarland deutsche Karikaturisten übernahmen, wie Marianne dargestellt wird und welche Grenzen diesem Kulturtransfer gesetzt waren.