
Hellsehen. Entwicklungsgeschichte und Systematik eines problematischen Theorems bei Rudolf Steiner Versuch einer ersten Annäherung
Abstract
Das Hellsehen gehört zu den zentralen Kategorien der Esoterik. Auch Rudolf
Steiners philosophisch-anthroposophische Weltanschauung und Erkenntnistheorie
bedienen sich dieses Modells ‚höherer Erkenntnis‘. Allerdings
lässt sich seine Konzeption des Hellsehens nur bedingt, wenn überhaupt,
im Rekurs auf das verstehen, was er das ‚alte‘ oder ‚natürliche Hellsehen‘
nennt. Seine Konzeption des ‚neuen Hellsehens‘ unterscheidet sich fundamental
von dem, was in klassischen Texten und Berichten über Phänomene
des Hellsehens überliefert ist. Der Beitrag entwickelt Steiners spezifisches
Modell des Hellsehens in drei Hinsichten. Erstens werden die konstitutiven
Elemente von Steiners Konzeption des modernen, das heißt durchdachten
Hellsehens vom philosophischen Theorem der ‚moralischen Phantasie‘,
über das ‚Kopf-, Herz- und Bauch-Hellsehen‘ bis zum christologischen
Grundmotiv des ‚Mysteriums von Golgatha‘ in ihrer werkgeschichtlichen
Entwicklung rekonstruiert. Zweitens wird anhand ausgewählter literarischer
Beispiele und Ergebnisse moderner Intelligenzforschung der Versuch
unternommen, Steiners multiperspektivische Idee des Hellsehens ideengeschichtlich
zu kontextualisieren. Um dadurch, Drittens, konstruktiv die
Frage aufzuwerfen, ob und inwiefern Steiners komplexe Ideen zum neuen
Hellsehen Anregungen bieten, um über die Chancen und Grenzen eines erweiterten – multiperspektivischen – Modells menschlichen Erkennens und
Erlebens nachzudenken.
© 2023 Hartmut Traub, published by frommann-holzboog
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