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Was von der DDR bleibt: eine ostdeutsche Bibliothek in Nantes

Als Herausgeberinnen von Symposium culture@kultur waren wir bereits früh an dem Vorschlag von Ruth Lambertz-Pollan und Bénédicte Terrisse interessiert, die aktuellen Forschungen zu einem Bestand von aus der DDR stammenden Publikationen sichtbar zu machen, der in der Universitätsbibliothek Nantes in Form eines bislang kaum erschlossenen Sonderfonds aufbewahrt wird. Das unter dem Titel „Was von der DDR bleibt: eine ostdeutsche Bibliothek in Nantes“ konzipierte Dossier geht von der Überzeugung aus, dass es sowohl erkenntnisreich als auch dringend geboten ist, einen umfangreichen, jedoch marginalisierten Buchbestand erneut in den Fokus zu rücken. Dieser Bestand war zwar institutionell bewahrt, blieb jedoch über Jahrzehnte hinweg weder katalogisiert noch systematisch befragt und entzieht sich damit weitgehend den etablierten Formen des kulturellen Gedächtnisses.

Die Fragen der kulturellen Patrimonialisierung – siehe insbesondere die Nummer 4 – und der Bedingungen von Überlieferung, Vergessen und Wiederentdeckung kultureller Artefakte bilden einen zentralen Schwerpunkt unserer Zeitschrift. In diesem Zusammenhang erschien uns der einleitende Beitrag von R. Lambertz-Pollan und B. Terrisse mit dem Titel „Verschütten und Wiederfinden. Dialektiken des Rests: eine deutsch-französische lexikalische und theoretische Reise” besonders geeignet, den in diesem Heft versammelten Beiträgen einen begrifflichen und theoretischen Rahmen zu geben und damit zugleich die Funktion eines klassischen Glossars zu ersetzen, das inzwischen ein Markenzeichen unserer Zeitschrift geworden ist. Der Text reflektiert den Buchbestand nicht nur als historisches Material, sondern als epistemisches Objekt, das im Spannungsfeld von Archiv, Gedächtnis und Forschung neu verortet werden muss.

Im Folgenden skizzieren die beiden Verantwortlichen des Dossiers die Genese ihres Projekts:

Als im Juni 2021 im Zuge umfangreicher baulicher Maßnahmen die Bibliothek der Geisteswissenschaften der Universität Nantes die Lehrenden und Forschenden des Instituts für Germanistik aufforderte, über das weitere Schicksal von rund 850 DDR-Publikationen zu entscheiden, lagen mehr als drei Jahrzehnte seit der deutschen Wiedervereinigung zurück. Diese zeitliche Distanz markiert bereits eine zentrale Problemstellung des Projekts: Die Bücher erscheinen als „Reste“ eines politischen und kulturellen Systems, deren Archivstatus erst nach dessen Untergang zur Disposition gestellt wird.

Die Rekonstruktion ihrer vielfach gebrochenen, nicht linearen deutsch-französischen Zirkulationswege erweist sich als komplex. Sie erfolgt weniger über schriftliche Überlieferungen als vielmehr über die Materialität der Objekte selbst: Signaturen, Standortvermerke und Bibliotheksstempel fungieren als sedimentierte Spuren institutioneller Praktiken. Stempel wie „Don de l‘Ambassade de la République Démocratique Allemande“ oder „Botschaft der DDR Paris, UNESCO-Bibliothek“ verweisen auf Kontexte der Kulturdiplomatie, aber auch auf Prozesse der Umlagerung, Umwidmung und partiellen Entkontextualisierung. In diesem Sinne lassen sich die Bücher als Archivobjekte verstehen, deren Bedeutung nicht fixiert ist, sondern erst aus der Analyse ihrer Zirkulation hervorgeht.

Zwei zentrale Phasen strukturieren die Geschichte dieses Transfers: zum einen die 1970er und 1980er Jahre, zum anderen die frühen 1990er Jahre. Die in den 1980er Jahren in größerer Zahl verbreiteten Werke sind als Produkte einer staatlich gelenkten Buchzirkulation zu lesen, die zwischen kulturellem Austausch und politischer Selbstrepräsentation oszillierte. Sie stehen im Kontext der Anerkennung der DDR durch Frankreich (1973), der KSZE-Schlussakte von Helsinki (1975) sowie des bilateralen Abkommens über kulturelle Zusammenarbeit vom 16. Juni 1980, das eine Intensivierung des Austauschs von Druckerzeugnissen vorsah.

Demgegenüber stehen jene Bestände, die nach 1989/90 durch individuelle Rückholinitiativen von Lehrenden und Forschenden des Germanistik-Instituts der Universität Nantes nach Frankreich gelangten. Diese Bücher, häufig mit dem Stempel „Hochschule für Seefahrt Wustrow“ versehen, bildeten einen Grundstock der Bibliothek des 1993 von Jean-Paul Barbe gegründeten Deutsch-Französischen Kulturzentrums. Ihre Überlieferung folgt keiner systematischen Sammlungspolitik, sondern ist von Kontingenz, persönlichem Engagement und situativen Entscheidungen geprägt – ein Umstand, der ihren Status als Archivmaterial ebenso problematisiert wie produktiv macht.

Inhaltlich dokumentiert der Bestand zentrale Formate staatlicher Wissensproduktion der DDR. Die oft mehrsprachigen, reich illustrierten und in Serien hergestellten Publikationen waren teilweise gezielt für den Export in nicht deutschsprachige Länder konzipiert. Die starke Präsenz von Kunstbänden, Ausstellungskatalogen und sogenannten „schönen Büchern“ verweist auf die Vorrangstellung visueller Repräsentation innerhalb dieses Buchkorpus. Auch die Belletristik ist in signifikanter Zahl vertreten, jedoch überwiegend in Form solcher Texte, die dem Modell einer vom Regime legitimierten, funktionalisierten Literatur entsprechen und weniger dem international kanonisierten Teil der DDR-Literatur zuzurechnen sind.

Von besonderer Bedeutung für eine archiv- und wissensgeschichtliche Perspektive ist schließlich der hohe Anteil populärwissenschaftlicher Literatur: Enzyklopädien, Wörterbücher, statistische Jahrbücher, Atlanten, Reiseführer oder geographische Kompendien. Diese im Alltag der DDR allgegenwärtigen Medien politischer und gesellschaftlicher Bildung waren lange Zeit weder sammlungsnoch forschungsrelevant. Gerade in ihrer scheinbaren Banalität eröffnen sie jedoch einen privilegierten Zugang zu Praktiken der Wissensordnung, der Ideologievermittlung und der kulturellen Selbstbeschreibung eines untergegangenen Staates. Das vorliegende Dossier geht auf eine Studientagung zurück, die im November 2022 an der Universität Nantes stattfand. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen – darunter Architektur, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kunst- und Buchgeschichte, Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik und Theaterwissenschaft – wurden eingeladen, sich jeweils mit einem einzelnen Werk oder mit einer Reihe bzw. Sammlung auseinanderzusetzen, die im Rahmen einer ersten Bestandsaufnahme identifiziert worden waren. Ziel war es, diese Bücher als Archivobjekte zu kontextualisieren und ihre heuristische Relevanz für gegenwärtige Forschungsfragen auszuloten.

So fanden unter anderem die Statistischen Jahrbücher, die Reihe Edition Neue Texte des Aufbau-Verlags, die gesammelten Werke von Hedda Zinner, die Serie Geschichte der Stadt in Wort und Bild, der Band Kinder- und Jugendtheater der Welt, Als Mutprobe: MORD. Über neofaschistische Bewegungen in kapitalistischen Ländern sowie mehrere kunsthistorische Publikationen – darunter Malerei und Graphik in der DDR, Der Malik Verlag 1916–1947, X. Kunstausstellung der Deutschen Demokratischen Republik, Dresden 1987/88 und Käthe Kollwitz (Otto Nagel) – ihre Bearbeiterinnen und Bearbeiter. Auch wenn nicht alle Vorträge in schriftlicher Form vorliegen, spiegelt das hier versammelte Ensemble die Heterogenität eines Regals mit ostdeutschen Büchern im Magazin der Universitätsbibliothek wider und macht gerade darin den heuristischen Wert dieses Bestandes sichtbar.

Unser Dank gilt dem CRINI (UR 1162) für die finanzielle Unterstützung sowie den Kolleginnen und Kollegen der Universitätsbibliothek der Universität Nantes für ihre engagierte Zusammenarbeit. Besonderer Dank gilt zudem unseren germanistischen Kolleginnen und Kollegen für ihre Erinnerungs- und Rekonstruktionsarbeit, insbesondere Jean-Paul Barbe, Thomas Koch und Jean Mortier.

Ce qui reste de la RDA : une bibliothèque est-allemande à Nantes

En tant qu’éditrices de Symposium culture@kultur nous avons d’emblée été intéressées par la proposition de Ruth Lambertz-Pollan et Bénédicte Terrisse de faire connaitre les recherches qui sont actuellement menées autour des ouvrages issus de la RDA conservés dans un fonds spécifique de la Bibliothèque universitaire de Nantes et de publier un dossier sur « Ce qui reste de la RDA : une bibliothèque est-allemande à Nantes ». Leur projet et ensuite les articles qu’elles nous ont soumis témoignent de leur conviction qu’il serait profitable et urgent d’exhumer un très riche fonds d’ouvrages qui avaient été publiés en RDA, fonds qui avait été abrité par la Bibliothèque de Nantes Université mais qui n’avait pas encore été catalogué, était resté peu exploré et ne correspond donc pas vraiment aux formes établies de la mémoire culturelle

La question de la patrimonialisation culturelle, les conditions de la transmission, de l’oubli, de la redécouverte d’artefacts culturels, constituent une thématique centrale pour notre revue (cf. notamment notre numéro 4). C’est d’ailleurs le motif pour lequel l’article de R. Lambertz-Pollan et B. Terrisse intitulé « Verschütten und Wiederfinden. Dialectiques du reste : un voyage lexical et théorique franco-allemand » a semblé apporter le cadre conceptuel et théorique apte à introduire les articles regroupés ici et pouvoir remplacer l’habituel glossaire qui concluait traditionnellement nos précédents numéros : cet article démontre dans quelle mesure ces ouvrages ne sont pas seulement des matériaux possédant un intérêt historique mais constituent aussi un objet épistémique illustrant l’interdépendance des archives, de la mémoire et de la recherche. Voici en quels termes les deux porteuses de ce dossier relatent la genèse de leur entreprise :

Lorsqu’en juin 2021, à la faveur d’importants travaux, la bibliothèque des Lettres de l’université de Nantes propose aux enseignants-chercheurs du département d’études germaniques de statuer sur le sort d’un nombre important – environ 850 – d’ouvrages issus de RDA, non répertoriés mais conservés dans l’un de leurs magasins, il s’est écoulé plus de trente ans depuis la réunification allemande.

Reconstituer leurs trajectoires franco-allemandes, diverses et non-linéaires, n’est pas chose aisée. Il est possible de remonter la piste de leur provenance à partir des traces matérielles qu’ont laissées les divers systèmes de cotations des bibliothèques ayant hébergé un temps ces livres. Des traces de tampons (« Don de l’ambassade de la République Démocratique Allemande », « Botschaft der DDR Paris, UNESCO Bibliothek » etc.) peuvent en outre livrer des indications complémentaires sur l’origine des livres ou la raison de leur circulation. Deux moments principaux se dégagent dans l’histoire de la circulation de ces ouvrages : les années 1970 et 1980 et le début des années 1990. Entre diplomatie culturelle et propagande, les ouvrages porteurs de tampons libellés en français sont un reliquat de la diplomatie du livre menée par la RDA. La majorité de ces livres retrouvés datent des années 1980, c’est-à-dire d’après la reconnaissance officielle de la RDA par la France en 1973, mais aussi d’après les accords d’Helsinki en 1975 et de leur formalisation par un accord bilatéral entre la France et la RDA. En effet, « l’Accord de coopération culturelle » signé le 16 juin 1980 prévoyait une intensification des échanges culturels et de la circulation de l’imprimé entre les deux pays. Enfin, un certain nombre d’ouvrages provient d’opérations de récupérations menées par des enseignants-chercheurs du département d’études germaniques de Nantes au lendemain de la chute du Mur. Dotés souvent du tampon « Hochschule für Seefahrt Wustrow », ils ont permis d’achalander la bibliothèque du Centre Culturel Franco-Allemand fondé par Jean-Paul Barbe en 1993. Le mode d’acquisition de ces témoins d’une histoire à la fois transnationale et locale n’est donc pas le fruit d’une politique documentaire concertée et leur présence porte la marque de l’aléatoire.

Déclinés souvent dans plusieurs langues, dont le français, riches en illustrations, ces ouvrages sont produits en série par la RDA et destinés en partie à l’exportation vers des pays non-germanophones. La forte représentation d’ouvrages ressortissant à l’art ainsi qu’à la catégorie des beaux livres, tels les catalogues d’exposition, confirme le paradigme dominant de l’image dans ce reste livresque. Si la part des belles lettres y est par ailleurs importante, il ne s’agit en général pas des auteurs de RDA les plus reconnus à l’étranger, mais d’œuvres conformes au modèle d’une littérature hétéronome autorisée par le régime est-allemand. Enfin, un nombre non négligeable de ces livres retrouvés correspond au genre de la vulgarisation scientifique (populärwissenschaftliche Literatur) : encyclopédies, dictionnaires des écrivains de RDA ou du vocabulaire économique et politique, atlas, guides touristiques, annales statistiques, compendiums de géographie physique, etc. Objets du quotidien, à la fois ordinaires et répandus à l’époque de la RDA, ces médiums d’éducation populaire et politique n’ont attiré que peu l’attention de la recherche et posent la question de la place à accorder aux « corpus oubliés » et « reliquats » de l’histoire culturelle.

Ce numéro de revue est issu d’une journée d’études organisée à Nantes Université en novembre 2022. Des chercheuses et chercheurs travaillant dans des disciplines variées (architecture, économie, histoire, histoire de l’art, histoire du livre, littérature comparée, littérature germanique, théâtre) et dont nous connaissions la prédilection pour le terrain de la RDA ont été invité.e.s à se saisir de l’un des ouvrages ou d’une série ou collection de livres que nous avions pu lister lors d’un premier inventaire. Consigne était donnée d’en proposer une contextualisation et d’en expliquer l’intérêt ou la pertinence possible pour des travaux de recherche actuels. Des Annales statistiques, la collection « Edition Neue Texte » chez Aufbau, les œuvres complètes de Hedda Zinner, la série Geschichte der Stadt in Wort und Bild, l’ouvrage Kinder- und Jugendtheater der Welt mais aussi Als Mutprobe: MORD. Über neofaschistische Bewegungen in kapitalistischen Ländern, et plusieurs livres d’art, notamment Malerei und Graphik in der DDR, Der Malik Verlag 1916-1947, X. Kunstausstellung der Deutschen Demokratischen Republik, Dresden 1987/88, Käthe Kollwitz (Otto Nagel) ont ainsi trouvé preneur. Si toutes les communications n’ont pas donné lieu à un article, l’ensemble proposé dans ce numéro reste suffisamment divers pour reproduire fidèlement le caractère hétérogène d’une étagère du magasin de la BU Lettres aux livres est-allemands retrouvés.

Nous adressons nos remerciements au CRINI (UR 1162) pour son soutien financier, ainsi qu’aux collègues de la Bibliothèque Universitaire de Nantes Université pour le concours qu’ils nous ont apporté, sans oublier nos collègues germanistes pour leur précieux travail de remémoration, notamment Jean-Paul Barbe, Thomas Koch ainsi que Jean Mortier.

Language: German, English, French
Published on: Jan 31, 2026
In partnership with: Paradigm Publishing Services
Publication frequency: 1 issue per year

© 2026 Françoise Knopper, Dorothee Röseberg, Marie-Therese Mäder, Caroline Moine, Ruth Lambertz-Poullin, Bénédicte Terrisse, published by Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e. V.; IRPALL, Université de Toulouse
This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License.

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