Das Jubiläum des Mauerfalls 1989 hat in der französischen Presse ein breites Echo gefunden. Für den vorliegenden Beitrag wurden über hundert Artikel, die in Frankreich am 9. November 2019 und in der Woche vor dem Jahrestag des Mauerfalls erschienen sind, untersucht und rezensiert. Die Artikel waren in bedeutenden Tageszeitungen und wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazinen veröffentlicht worden. Was ihre Verbreitung betrifft, so gehören die hier ausgewählten Tageszeitungen, laut Auflistung der ACPM1 für das Jahr 2019, zu den acht größten Vertretern der Tagespresse. Es handelt sich dabei um folgende Zeitungen: Le Figaro, Le Monde, Les Echos, La Croix, Libération, L’Humanité. Zur besseren Repräsentativität der französischen Printmedien wurden zusätzlich die Tageszeitung L’Opinion, wegen ihrer pro-europäischen Einstellung, und La Dépêche du Midi, als Beispiel einer regionalen Tageszeitung, ausgewählt. Bei den Wochenzeitschriften fiel die Wahl auf drei national vertriebene Nachrichtenmagazine, L’Express, L’Observateur, Le Point, sowie das monatlich erscheinende Blatt Le Monde diplomatique, das international weit verbreitet ist.
Durch diese breitangelegte Auswahl ist ein großes Spektrum an ideologischen Grundeinstellungen, die sich in der jeweiligen redaktionellen „Philosophie“ spiegeln, angesprochen, die von rechts bis linksextrem, von liberal bis äußerst kapitalismuskritisch reichen. Ziel der Untersuchung ist es, die Sichtweisen und Interpretationen in den Darstellungen, die dem Mauerfall als politisches und historisches Ereignis gewidmet sind, herauszuarbeiten. Zunächst sollen jedoch die ausgewählten Presseorgane kurz vorgestellt werden, um danach deren thematische Lektüre und Interpretation zu präsentieren.
Die von der ACPM durchgeführte „Rangfolge der Verbreitung nationaler Tagespresse in Frankreich für 2019“ basiert auf der Zählung der täglich von der jeweiligen Ausgabe verkauften Exemplare. An erster Stelle steht Le Figaro mit 325.938 Exemplaren. Das 1826 gegründete Blatt ist die älteste der heute noch veröffentlichten französischen Tageszeitungen. Die angestrebte redaktionelle Grundeinstellung ist liberal bis konservativ, europafreundlich, aber der nationalen Kultur verpflichtet,2 seine Leserschaft fühlt sich zur Rechten oder zur rechten Mitte zugehörig. Le Monde folgt mit 325.565 Exemplaren dicht auf Platz zwei der Tabelle für 2019.3 Die Zeitung wurde 1944 gegründet und ihre Orientierung liegt Mitte-Links wie auch ihre Stammleser.4 Mit 130.059 Exemplaren hält Les Echos, 1908 gegründet, den vierten Rang.5 Dieses Informationsblatt für Wirtschaft und Finanzen ist traditionell liberal und pro-europäisch, Verfechter der Marktwirtschaft und dem internationalen Geschehen zugewandt.6 Die 1883 gegründete Tageszeitung La Croix ist katholisch und bekennt sich, trotz Änderungen in jüngster Vergangenheit, zur christlichen Identität.7 Mit 87.682 Exemplaren ist sie die sechstgrößte nationale Tageszeitung in punkto verkaufter Auflage. Libération, ursprünglich mit Unterstützung von Jean-Paul Sartre 1974 gegründet, heute an die linke Mitte und die sozialdemokratische Linke gerichtet, steht mit 71.466 Exemplaren an siebter Stelle. Mit 36.621 verkauften Exemplaren auf französischem Staatsgebiet ist L’Humanité die achtgrößte nationale Tageszeitung. 1904 von Jean Jaurès ins Leben gerufen, ist sie auf der äußeren Linken angesiedelt und steht weiterhin der Kommunistischen Partei nahe, nachdem sie von 1920 bis 1994 deren zentrales Organ gewesen war.8 Bei 41.000 Exemplaren hat die 2013 gegründete Tageszeitung L’Opinion eine klare publizistische Linie und bezeichnet sich als „liberal, unternehmerfreundlich, europäisch“.9 Schließlich ist La Dépêche du Midi mit 125.824 Exemplaren die elftgrößte regionale Tageszeitung.
Unter den französischen Wochenzeitschriften verkauft das 1972 gegründete und Mitte-Rechts stehende Nachrichtenmagazin Le Point 292.795 Exemplare pro Ausgabe. Dicht darauf folgt mit 215.877 Exemplaren L’Obs, 1964 unter dem Namen Le Nouvel Observateur10 gegründet. Das Blatt rechnet sich selbst zur sozialdemokratischen Bewegung.11 Die Wochenzeitschrift L’Express, die sich der europäischen Idee und der Öffnung der Märkte gegenüber positiv äußert, wurde 1953 ins Leben gerufen und hat eine Auflage von 201.126 Exemplaren. Die 1954 gegründete Monatszeitschrift Le Monde diplomatique verfügt 2019 über eine Verbreitung von 143.872 zahlenden Lesern. Sie wird in 19 Sprachen übersetzt, behandelt hauptsächlich internationale Themen und bekennt sich zu einer kritischen Einstellung gegenüber Kapitalismus, Freihandel und Militarismus.12
Legt man diesen ausgewählten Medien mit dem Schwerpunkt Mauerfall eine detaillierte und thematisch ausgerichtete Untersuchung zugrunde, so können sechs Schwerpunkte herausgearbeitet werden. Ein erster Schwerpunkt (die Hälfte der Artikel, wobei es oft Überschneidungen mit einem der anderen Schwerpunkte gibt) liegt auf punktuellen historischen Ereignissen, die im Zusammenhang mit dem Tagesablauf am 9. November oder in den Wochen vor dem Mauerfall stehen. Oft wird Zeitzeugen dieser Ereignisse das Wort gegeben, dabei auch Journalisten, die sich zum Zeitpunkt des Mauerfalls in Berlin aufgehalten hatten. Mitunter sind es auch historische Persönlichkeiten, denen, wie Michail Gorbatschow, eine herausragende Rolle in jener Zeit zukam. Ein zweites wichtiges Thema (25% der Artikel) ist die Erinnerung und die Frage nach der „Vergangenheitsbewältigung“ der DDR. Die heutige Disparität zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands ist eine dritte, oft behandelte Problematik (20% der Artikel). In einer vierten Gruppe von Themen wird ebenfalls das Gedenken an den Mauerfall debattiert, jedoch mit Blick auf die veränderte Erinnerungsperspektive anlässlich des 30. Jahrestages (15% der Artikel). Europa, seine Zukunft, seine Schwerpunkte und deren Zusammenhang mit dem Mauerfall bilden den fünften behandelten Themenkreis (25%). Der sechste Punkt betrifft die ideologische Debatte über das „Ende der Geschichte“ und die Auslegung des Mauerfalls als richtungsweisendes Ereignis im Zusammenhang mit der Entwicklung und der Entstehung des Modells der pluralistischen Demokratie (15% der Artikel).
Unter den Artikeln, deren Schwerpunkt auf dem geschichtlichen Überblick der Ereignisse liegt, behandelt eine kleine Zahl die Geschichte der Berliner Mauer, ihre Errichtung13 oder den Handlungsablauf am 9. und 10. November 1989.14 Die Mehrheit der Artikel erwähnt eher die ersten Risse im Eisernen Vorhang und die Rolle der ehemaligen Satellitenstaaten des Ostblocks von März bis November 1989, die Durchtrennung des Eisernen Vorhangs an Ungarns Grenze, das paneuropäische Picknick in Sopron15 oder die Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Prag16. Die Tendenz, Themen und bekannte Persönlichkeiten des ehemaligen Ostblocks in den Vordergrund zu stellen, wird auch in den zahlreichen Gesprächen mit Leitfiguren und Politikern der kommunistischen Länder deutlich, wie in Interviews und Porträts nicht nur von Michail Gorbatschow17 und seinen engen Beratern18, sondern auch von Lech Walesa19 oder anderen polnischen Politikern.20 Diese Art, die Aufmerksamkeit auf das Verdienst Polens, Ungarns und der Tschechoslowakei als Vorreiter der 1989er-‚Revolution‘ zu lenken, ist eine Parallele zur Haltung der deutschen Regierung. Schließlich waren bei den Berliner Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls nur die Präsidenten Polens, Ungarns, der Slowakei und der Tschechischen Republik zugegen. Die Abwesenheit westlicher Regierungsvertreter kommentierte vor allem L’Express.21 Neben der Befragung großer politischer Persönlichkeiten werden auch Zeugen aus künstlerischen und intellektuellen Milieus der DDR in den Vordergrund gestellt, am weitaus häufigsten Dissidenten und Regimekritiker, so etwa der Schriftsteller Christoph Hein in der Zeitung La Croix, der dort als „klarsehender Chronist“22 (chroniqueur lucide) eines von der Ost-West-Fraktur gekennzeichneten Landes beschrieben ist, oder auch Wolf Biermann.23 Manche der Befragten sind aus der Zeit nach dem Mauerfall bekannt. Es überwiegen Überlegungen der Verfasser zu Unwägbarkeiten und Fehlern im Wiedervereinigungsprozess. Ein Beispiel dafür ist das Interview mit dem ehemaligen Pressesprecher der Treuhandgesellschaft Wolf Schöde.24
Der Verlauf des Mauerfalls wird von anderen Journalisten so wiedergegeben, wie sie ihn 1989 erlebt hatten.25 So überlässt Libération den Reportern und Fotografen das Wort, die im November 1989 zugegen waren.26 Die diachrone Perspektive ermöglicht dementsprechend eine vergleichende Sicht auf die Zeit vor und nach der Wende mit dem Vorschlag einer Neuauslegung des Mauerfalls, wobei die Gefahr besteht, dass dabei eine teleologische Sichtweise der Vergangenheit entsteht. L’Obs traf die Wahl, Artikel wieder zu veröffentlichen, die schon in älteren Ausgaben zwischen 1989 und 1994 abgedruckt worden waren,27 mit der Absicht, geschichtliche Dokumente (documents d’histoire immédiate),28 Artikel, Reportagen und Gespräche mit herausragenden Persönlichkeiten29 auszugraben. Durch den Vergleich zwischen den älteren Artikeln und denen, die im November 2019 erschienen sind, lässt sich ebenfalls feststellen, dass den zwei Wochen vor dem Mauerfall eine große Bedeutung beigemessen wurde, um die Idee zu betonen, dass der Ablauf der Ereignisse unausweichlich war.30 Zudem ergibt sich manchmal aus dieser Gegenüberstellung und parallelen Betrachtung die Diskrepanz zwischen der damaligen Geisteshaltung und der Bedeutung, die im Nachhinein dem Mauerfall zugeschrieben wurde, wodurch Deutungsverschiebungen im zeitlichen Verlauf hervorgehoben werden. So schildert ein Artikel vom 2.-3. November 2019, wie die Schriftstellerin31 und Korrespondentin von Libération, Pascale Hughes, nach der historischen Pressekonferenz von Günter Schabowski versucht hatte, ihre Pariser Redaktion zu erreichen; die Redaktion schien jedoch kaum am Besuchsvisum für Ostbürger interessiert gewesen zu sein, denn die Korrespondentin erhielt als Antwort: „Nun beruhige dich, wir streiken gerade“ („Calme-toi on est en grève“).32 Am nächsten Tag erschien keine Ausgabe von Libération, aber die Zeitung machte es am Samstag den 11. November 1989 durch die Veröffentlichung einer 17 Seiten langen Doppelausgabe wieder wett. Im Gegensatz dazu geben andere Zeitungen an, einen historischen Moment und das Gefühl vom Ende einer Epoche oder gar eines Jahrhunderts sehr bewusst erlebt zu haben.33 Die Tendenz zur Historisierung der ideologischen Debatten, da sie mit den Begriffen vom Ende des Jahrhunderts und der Ideologien in Verbindung gebracht wird, ist übrigens ein Leitmotiv in der französischen Presse wie noch zu zeigen sein wird.
Die dritte Gruppe von Artikeln behandelt die Vergangenheit der DDR und ihre spezifische Identität. Diese Artikel thematisieren einerseits das Überwachungssystem in der DDR34, andererseits die Problematik der ostdeutschen Erinnerung und kollektiven Identität, vor allem in den zahlreichen Artikeln über Nicolas Offenstadts Buch Urbex RDA.35 Auch in Artikeln, die nicht ausschließlich diesem Autor gewidmet sind, wird er oft erwähnt.36 Darüber hinaus wird das Thema der ostdeutschen Identität auch in Abhandlungen behandelt, die die Frage aufwerfen, wie sich der Alltag und die Vergangenheit der ehemaligen DDR-Bürger am zutreffendsten ausdrücken ließe. Dies wird z.B. in Libération37 in einem Interview mit Hélène Camarade zu ihrem Buch Les Mots de la RDA38 über Humor und Witze in der DDR deutlich.
Die zweite Gruppe von Artikeln macht den Wiedervereinigungsprozess und die anhaltende Ost-West-Disparität zum Gegenstand der Untersuchung, wobei die Gewinne der AfD in den Gebieten der ehemaligen DDR ausdrücklich unterstrichen werden.39 Die Aufmerksamkeit wird auf die Spaltung und das Unbehagen eines „zusammengeflickten Landes“ gelenkt, in dem sich die ehemaligen Bürger Ostdeutschlands als zweitklassige Bürger vorkämen.40 Oft kommt diese Feststellung in Reportagen zum Ausdruck.41 Noch weiter gehen andere Artikel, die die Art und Weise offen kritisieren, wie die Wiedervereinigung verlief42 und dabei vor allem die Rolle der Treuhand anprangern.43 Manche Artikel vertreten die These einer Annektierung der DDR durch die Bundesrepublik, wobei die ostdeutsche Wirtschaft und Gesellschaft als Opfer einer Liquidierungsstrategie dargestellt werden. Diese oft formulierte These44 beruht auf einer Darlegung von Argumenten, die das Bild einer hinkenden und asymmetrischen Wiedervereinigung aufzeigen, von der vor allem Westdeutschland profitiert hätte.45
In ihrer Betonung der Diskrepanz zwischen Ost und West und der Notwendigkeit, das Erbe der Wiedervereinigung neu zu überdenken, schlägt sich der Versuch der französischen Presse nieder, sich als Echo der deutschen Presse zu präsentieren. Wenn die Journalisten eine Veränderung der Erinnerungsperspektive in Deutschland feststellen, beziehen sie sich insbesondere auf die Studien von Raj Kollmorgen. Allgemein wird festgestellt, dass das jetzige Mauerfall-Gedenken sich durch das Eingeständnis der aktuellen Schwierigkeiten in einem gespaltenen Deutschland von der vorherigen Euphorie unterscheidet.46 Die Hoffnung, der deutschen Teilung den Rücken gekehrt zu haben und eine Welt erreicht zu haben, die den Triumph der liberalen Demokratie über die Diktaturen feiern würde, habe sich als illusorisch erwiesen, was die Zurückhaltung bei den Gedenkfeierlichkeiten erkläre.47 Wenn dieser Mangel an Begeisterung von manchen kritisiert wird, die ihrerseits den Triumph von Demokratie48 und Freiheit49 bejubeln wollen, denunzieren andere einen „Gedenkzombie50 (zombie mémoriel) und die Tatsache, dass vor allem die Besitzenden feierten.51 Die Kritik betrifft auch die Mauer als Memorial-Relikt: Mehrere Journalisten prangern die Kommerzialisierung der Geschichte der Mauer an, weil das ein tieferes Reflektieren über ihre Bedeutung verhindere.52
Die Auslegung des Mauerfalls als entscheidendes Ereignis für die Weiterentwicklung der Europäischen Union ist in den untersuchten Artikeln allgegenwärtig; Europa, seine Identität und seine Gegensätze bilden somit den Hintergrund der Überlegungen. Durch das Porträtieren von Zeitzeugen und der Schilderung der Folgen des Mauerfalls wird Europa entweder gefeiert oder in Frage gestellt. Manchmal wird der Zusammenhang nur angedeutet, wie etwa im Porträt des Cellisten Rostropowitsch, von dem es heißt, er habe bei seinem Konzert an der Mauer vor allem als Europäer auftreten wollen.53 Der Fall der Berliner Mauer wird gewöhnlich als „Gründungsmythos der Europäischen Union“54 (Mythe fondateur de l’Union européenne), als „Sockel für Europa“55 (socle pour l’Europe) oder als Motor der deutsch-französischen Freundschaft56 bezeichnet. Das Andenken an den Mauerfall erscheint dann als entscheidender politischer Beitrag zum Zusammenhalt und zur Zukunftsperspektive Europas. Demzufolge wird der 9. November in der proeuropäischen Tageszeitung L’Opinion als europäischer Tag der Freiheit charakterisiert, an dem man von nun an um jeden Preis feiern solle.57 In die gleiche Richtung weisen Le Monde-Artikel, die an zwei für die aktuelle Geschichtsschreibung bedeutsamen Tagen erschienen: Der Leitartikel vom 10.-12. November ruft die Leser auf, sich an die positiven Veränderungen, die der Mauerfall nach sich zog, zu erinnern, anstatt einer pessimistischen Europasicht nachzugehen58; einige Tage vorher, am 4. November 2019, zitiert Le Monde Heiko Maas, der die deutsch-französische Freundschaft als Motor für den Aufbau Europas beschwört.59 Manchmal ist der Ton pessimistischer, denn der Jahrestag des Mauerfalls bietet ebenfalls die Gelegenheit zur Diagnose von Spaltungen und Bruchstellen60 im gegenwärtigen Europa.61 Die Idee einer bruchstückhaften europäischen Identität in einem Kontinent, der dabei wäre, seine Wertmaßstäbe zu verlieren, steht hinter sehr vielen Artikeln und Reportagen über die Länder des ehemaligen sowjetischen Lagers.62 Dargelegt wird, wie populistische Regime die europäische Identität und die Erinnerung an den Mauerfall instrumentalisieren würden. Dabei wird auch eine Verbindung zwischen dem Zerfall des ehemaligen Ostblocks und dem Erstarken von Populismus, Rechtsextremismus und Identitätsbewegungen hergestellt.63 Enttäuschungen, Ängste und Misstrauen der Osteuropäer gegenüber Europa und seinen Institutionen werden ausführlich kommentiert64, desgleichen die Frage, welche Rolle Russland auf dem europäischen Kontinent zukäme65. Manche Artikel behandeln das Thema der Grenzen und Mauern in Europa und beklagen ein in sich verschlossenes Europa und eine Welt, die Mauern bauen würde statt sie zu zerstören66 :
Dreißig Jahre ist es nun schon her und es kommt mir so weit weg vor. Zur damaligen Zeit schien die Menschheit Jahr um Jahr auf dem Weg zum Besseren. [...] Dreißig Jahre später ist der Mauerbaumarkt wieder voll am boomen [...]. 1989 spielten wir den schönen Part: Wir waren im Lager der Freiheit und der über den Stacheldraht hinweg gereichten Hände. Sollten wir 1989 dabei sein, auf die falsche Seite der Mauer zu gleiten? Es wäre eine seltsame Wahl, ein Zeichen, dass wir die Lektion von 1989 nicht behalten hätten: Mauern fallen am Ende immer.67
Die Kritik an einem Europa, das Mauern errichte, statt sich zur Ehre zu machen, ein Raum der Freiheit und der Demokratie zu sein, findet sich auch in den zahlreichen Artikeln wieder, deren Gegenstand die Bedeutung des Berliner Mauerfalls für die Weltgeschichte und die ideologischen Entwicklungen ist. Ausgangspunkt ist das Aufgeben der ursprünglichen These von Francis Fukuyama über das Ende der Ideologien und den Sieg des Modells der liberalen Demokratie. Das „Ende der Geschichte“ wird als eine nunmehr überholte These bezeichnet68, die Vorahnungen des amerikanischen Politikwissenschaftlers wären „dreißig Jahre später“ komplett „widerlegt“69:
Ernüchtert sind sich die Menschen im Westen bewusst geworden, dass die Geschichte alles andere als abgeschlossen ist, dass sie da ist, lebt, dass sie von jedem Mut und Durchblick fordert, weil sie gestern wie heute tragisch sein kann.70
L’Express veröffentlicht in der Ausgabe vom 6.-12. November ein Interview mit Francis Fukuyama. Letzterer gibt selbst die Grenzen seiner Argumentation über das Ende der Geschichte zu und, ausgehend von den Krisen der liberalen Demokratie und dem von ihm nicht vorhergesehenen Erstarken der populistischen Strömungen, schlägt er eine neue Auslegung der Ereignisse vor.71 Auch die Dauerhaftigkeit und die Suprematie der liberalen Demokratie als einzigem Modell werden in zahlreichen Artikeln zum 30. Jubiläum des Mauerfalls in Frage gestellt.72 Der Abriss der Berliner Mauer und das Erlöschen vieler damit verbundener Hoffnungen bleiben in der Tat der Anlass, eindeutige Unterschiede zwischen den Ideologien zu formulieren und zu verdeutlichen. Wenn auch die These vom Ende der Geschichte widerrufen wird, so wird doch der Zusammenbruch des Ostblocks meistens als Ende der kommunistischen Ideologie interpretiert, mit der Annahme, dass der Kommunismus seinen eigenen Untergang verursacht habe.73
Lucien Sève vertritt in L’Humanité den entgegengesetzten Standpunkt: Was 1989 verschwand, sei kein Kommunismus gewesen, der wahre Kommunismus komme erst noch, und zwar in einer Welt, die sich verändern müsse, um zu überleben.74Libération zufolge hätten der Mauerfall und seine Nachwirkungen die Abwendung von einer bipolaren Welt und die Hinwendung zum Süden und zu den Schwellenländern ermöglicht, eine Perspektive und ein Weg, die man weiterverfolgen müsse.75 Schlussendlich nimmt die Mehrheit der Artikel in Libération das Mauerfall-Jubiläum zum Anlass, um die Vorstellung einer offenen und humanistischen Welt ohne Mauern und Grenzen zu vertreten.76
Zusammenfassend zeigen die Zeitungsartikel, die die These und Widerlegung vom „Ende der Geschichte“ thematisieren, am deutlichsten, wie sehr die Interpretation des Berliner Mauerfalls auch noch 2019 in der französischen Presse ein polemisches, ideologisches und politisches Anliegen bleibt.