Neben der immer wieder gestellten Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie – die im Grunde die Frage nach der Wissenschaftlichkeit spiritueller Lehren überhaupt impliziert – ist das Thema „Rasse“ jenes Feld, das Steiner besonders stark ins öffentliche Rampenlicht rückt. Es ist erheblich stärker aufgeladen als die eher abstrakten erkenntnistheoretischen Diskussionen über Wissenschaftlichkeit und eignet sich in Social Media und Talkshows weit eher dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Angesichts der mit diesem Thema verbundenen tendenziellen Aufgeregtheit ist bereits der Versuch Albert Schmelzers, es unaufgeregt, systematisch und kritisch aufzuarbeiten, ein verdienstvolles Unterfangen. In dem im Titel genannten Buch legt er eine detaillierte und gut lesbare Untersuchung der Frage vor, ob sich in Steiners Werk Indizien für rassistisches Denken finden lassen. Seine Untersuchung orientiert sich an Steiners Lebensgang und analysiert minutiös die unterschiedlichen thematischen Schwerpunkte in dessen Werk mit Blick auf den im Titel genannten leitenden Gesichtspunkt.
Schmelzer geht es dabei nicht nur um das Aufspüren und Benennen problematischer Textpassagen Steiners zum Reizthema „Rasse“, sondern um die Frage, ob sich in Steiners Werk eine mehr oder weniger durchgehende, einheitliche Sichtweise zu diesem Thema erkennen lässt – und wie einzelne Äußerungen und Exkurse zu gewichten sind.
Ein klares Ergebnis, das der Leser aus Schmelzers Analyse gewinnen kann, sei vorab genannt: Es gibt keine Einheitlichkeit und keine sich durchhaltende Behandlung des Themas „Rasse“ im Werk Steiners. Zudem kommt der Begriff in den von Steiner selbst verfassten Schriften so gut wie nicht vor, sondern vor allem in einigen Mitschriften seiner rund 6000 Vorträge vor spezifischem Publikum. In diesen Mitschriften finden sich allerdings teils markige Äußerungen, die nicht nur neutral über „Rasse“ sprechen, sondern nach heutigen Maßstäben rassistische Wertungen enthalten. Was sich in Steiners Werk hingegen nicht nachweisen lässt, sind politische Agitationen zu diesem Thema.
Aufbau des Buches
Nach einem kurzen Blick auf die einschlägige Literatur und ihre teils kontroversen Sichtweisen stellt Schmelzer seiner Untersuchung von Steiners Werk und Biographie aus gutem Grund ein Kapitel zu den historischen Rahmenbedingungen voran. Dieses Kapitel zeigt die Präsenz des Themas „Rasse“ unabhängig von Steiner – in der Zeit, in der er lebte, und darüber hinaus – sowie die zahlreichen Facetten, in denen es gesellschaftlich wirksam war.
Dieser Einstieg ist wichtig, denn er erlaubt es, Steiners Umgang mit diesem Thema nicht nur an den Maßstäben der heutigen Zeit zu messen, die durch gravierende politische Ereignisse des 20. und frühen 21. Jahrhunderts erheblich geschärft wurden, sondern auch an den geschichtlichen und gesellschaftlichen Umständen seiner Epoche, also des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.
In den sich anschließenden fünfzehn Kapiteln untersucht Schmelzer sein Thema chronologisch entlang der Lebens- und Wirkensetappen Steiners. Leitend sind dabei vier Gesichtspunkte:
Steiners Freiheitsphilosophie
Steiners gesellschaftspolitische Anschauungen
seine Exkurse zu Volk und Nation
seine Äußerungen zum Thema „Rasse“
Methode und Fazit
Schmelzers Untersuchung ist detailliert, nüchtern und schonungslos aus der Perspektive eines beobachtenden Historikers geschrieben. Sein Ziel ist es, das Material so zusammenzustellen, dass der Leser in die Lage versetzt wird, eine eigene Bewertung fundiert vornehmen zu können. Zu diesem Zweck enden die Kapitel jeweils mit Zusammenfassungen.
Im abschließenden Fazit erlaubt sich der Autor darüber hinaus eine eigene Einschätzung und Bewertung im Licht der genannten vier Gesichtspunkte. Seine Auswertungen sind differenziert und belegt, indem er auf einschlägige, zuvor behandelte Passagen Bezug nimmt. Sie verschärfen das im Titel genannte Spannungsfeld, lösen es jedoch nicht auf – da dieses Spannungsfeld zum überlieferten Textkorpus Steiners gehört.
Gesamtwürdigung
Schmelzers Buch setzt einen neuen Standard im Umgang mit dem Thema „Rasse“ bei Steiner: Einerseits entfaltet er es biographisch akribisch, benennt und bewertet problematische Passagen klar. Andererseits verortet er das Thema sowohl im Kontext der Zeit als auch innerhalb von Steiners Gesamtwerk. So entsteht für den Leser eine tragfähige Grundlage für ein eigenes Urteil jenseits von Hetze und Beschönigung.
Ein lesenswertes Buch für alle, die ein solch kontroverses Thema nicht scheuen und Differenzierung schnellen Urteilen vorziehen.
(Marcelo da Veiga)
