Zum Kolloquium trafen zwölf Teilnehmer:innen, darunter die Beiratsmitglieder der Steiner Studies: Prof. Dr. Helmut Zander, Dr. Stéphanie Majerus und Dr. Ansgar Martins.
In sechs Impulsreferaten von jeweils etwa 35 Minuten und anschließendem Gespräch von rund 25 Minuten wurden unterschiedlichste Facetten der Thematik ausgeleuchtet.
Den Auftakt machte Hartmut Traub, der wegen eines Infekts per Video zugeschaltet war, mit einem Beitrag zum Thema Multiperspektivität oder: Konstruktive Blicke in die Grenzregionen „philosophischer Esoterik“. Darin wies er darauf hin, dass in der Philosophie des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts die Dimension des Esoterischen durchaus vorhanden sei. So lasse sich etwa Martin Heideggers Spätphilosophie, nach Peter Trawny, als esoterologischer Versuch verstehen, das „Adyton“ des griechischen Tempels, in welchem sich das Allerheiligste befand und der damit der Bereich des Unzugänglichen und Unbetretbaren war, gedanklich zu erkunden. Auch Charles Taylor mache darauf aufmerksam, dass es gegenwärtig, entgegen der Tendenz, geistoffene Strömungen unter Schichten philosophischer Vernünftelei zu begraben, von existenzieller Bedeutung sei, der religiösen oder spirituellen Erfahrung in ihren ersten Andeutungen und Intuitionen nachzugehen. In diesem Sinne betone auch Jürgen Habermas: Die religiöse Erfahrung sei ein „Pfahl im Fleisch“ einer Moderne, die in der Gefahr stehe, dem Sog eines transzendenzlosen Seins nachzugeben und damit die Vernunft selbst aufs Spiel zu setzen. Vor diesem Hintergrund lasse sich die Anthroposophie Rudolf Steiners als Versuch verstehen, zwischen einer empirisch-materialistisch orientierten Wissenschaft einerseits und einer spekulativ-theosophischen Geisteswissenschaft andererseits zu vermitteln und darüber eine philosophische Anthropologie und Weisheitslehre zu begründen, in der vor allem auch künstlerische Ausdrucksformen konstitutiv verankert seien. Insofern ziele Steiner auf das Existential des eurythmischen Tanzes als multiperspektivischem Kondensationspunkt seiner anthroposophischen Theorie und Praxis.
Im Anschluss daran sprach Prof. Dr. Andreas Luckner über Eigentliches Selbstsein im ethischen Individualismus Rudolf Steiners. Dabei wies er darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen „eigentlichem“ und „uneigentlichem“ Selbstsein im Sinne Heideggers, also die Differenz zwischen personaler Authentizität und konventioneller Orientierung, ein Anliegen generell des ethischen Individualismus sei, der mit den Namen von Stirner, Nietzsche, den Existenzphilosop:innen von Kirkegaard bis hin zu Sartre und de Beauvoir verbunden ist. Auch bei Steiner finde sich die Kritik an einem Handeln, das sich nach einem starren Moralkodex richte. Das Handeln nach Normen habe als Entwicklungsstufe zwar seine Berechtigung; der freie Geist aber übersteige die Normen, indem er sich in einer gegebenen Situation an seinen eigenen Impulsen und Intuitionen orientiere. Wegen dieser intuitionistischen Anbindung an die Ideenwelt sei sein ethischer Individualismus nicht mit dem willkürlichen Dezisionismus zu verwechseln, wie er den genannten Autor:innen oft zu Recht unterstellt wird. Steiner habe somit eine situationsbezogene, individuelle, die personale Authentizität als wichtiges Element berücksichtigende Ethik entwickelt, die aber dem Willkürvorwurf begegnen kann.
Der Beitrag von Dr. Ulrich Kaiser Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht. Rudolf Steiner als philosophischer Tänzer eröffnete eine überraschende Perspektive auf den Begründer der Anthroposophie. Steiner sei, anknüpfend an Nietzsche, mit dessen „Zarathustra“ identifizierbar, der ein Tanzender und Repräsentant des „dionysischen Geistes“ gewesen sei. Ein solcher Geist stehe – wie Steiner in seinem Nietzsche-Buch erläutert habe – im Gegensatz zum „apollinischen Geist“, der den Charakter des Ernstes trage und schwer beladen unter der Bürde vorgestellter göttlicher Gebote dahinwandle. Der dionysische Geist dagegen setze sich selbst als Schöpfer der Wahrheit, er verwandle sich beständig, er proklamiere eine heitere Weisheit und bewege sich mit ihr „leicht durch die Welt wie ein Tänzer“ (SKA 3: FN, 86). Im Nachgespräch tauchte die Frage auf, ob es nicht eine für die Rezeption der Anthroposophie befreiende Perspektive wäre, insbesondere für das mündliche Werk, Steiner „dionysischer“ zu lesen.
Auf ein ganz anderes Feld, nämlich das der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, führte uns Dr. Stéphanie Majerus mit ihrem Referat Stoffgeschichten: Biodynamiker:innen und die Verlebendigung von Böden. Aufbauend auf ihrer Promotion, welche 2024 unter dem Titel Ackerbau des Lebendigen. Tiere, Wissenschaft und Anthroposophie in der biodynamischen Landwirtschaft im transcript-Verlag erschienen ist, erläuterte sie die von Steiner 1924 in seinem in Koberwitz gehaltenen Landwirtschaftlichen Kurs vorgetragenen Grundbegriffe: den Hof als „landwirtschaftliche Individualität“ mit dem Zusammenleben von Pflanze, Tier und Mensch im Sinne einer Kreislaufwirtschaft, den Erdboden als Organ, welches kosmische Wirkungen in die Pflanzen bringe, die Präparate als postulierte Mittel zur Steigerung der Vitalität und Resilienz des Bodens sowie die von Steiner angenommene Wirkungsweise der für die Landwirtschaft relevanten Stoffe wie Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel und Sauerstoff, Kalk und Kiesel. Das nachfolgende Gespräch drehte sich vor allem um die Frage, inwieweit es belastbare wissenschaftliche Wege zum Nachweis der Qualität der Anbaumethoden und Produkte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft gebe – hier zeigte sich noch ein erheblicher Forschungsbedarf.
Über einen bisher kaum beachtetes Gebiet der Rezeptionsgeschichte Steiners sprach Dr. Ansgar Martins mit dem Thema „Geläuterte Geheimwissenschaft.“ Ernst Bloch als Leser Rudolf Steiners. Denn trotz scharfer Polemik habe der marxistische Philosoph sich intensiv zumindest mit den Werken der theosophischen Phase Steiners beschäftigt, weil er den Eindruck gehabt habe, hier würden sich längst „vergessene“ und verdrängte Einsichten einen Weg über die Schwelle des Bewusstseins bahnen. Entsprechend habe er manche Aspekte übernommen: das Strukturprinzip der Siebenzahl, die Lehre von der Seelenwanderung oder ein Konzept von „Hellhören“, das analog zu Steiners „Inspiration“ über ein optisch ausgerichtetes „Hellsehen“ hinausgehen soll. Niedergeschlagen habe sich diese Rezeption vor allem in der ersten Auflage vom Geist der Utopie; später habe Bloch diese Spuren zu tilgen gesucht, ohne dass er je von den gemeinsamen Ideen abgerückt wäre.
Das Referat Interkulturelle Perspektiven: Die Idee des Dharma in indischen Weisheitslehren und der Pfad der spirituellen Erkenntnis bei Steiner von Marcelo da Veiga rundete den Kreis der Beiträge ab. Ausgangspunkt der Darstellung war ein Satz des muslimischen Mystikers Dschelaluddin Rumi aus dem 13. Jahrhundert: „Gehst du den Weg, wird der Weg sich dir öffnen.“ Das Bemühen, Hinweise für das Beschreiten eines solchen inneren Entwicklungsweges zu geben, sei das gemeinsame Anliegen östlicher Weisheitslehren und der Anthroposophie. Da Veiga vertritt dabei die Auffassung, dass es im Kern um denselben universellen Weg (Dharma) zur spirituellen Erkenntnis gehe. Dieser werde allerdings in unterschiedlichen Zeiten jeweils anders und kulturspezifisch vermittelt. So sei Steiners Ansatz im 20. Jahrhundert einerseits als originell zu bewerten, gleichzeitig sei der von ihm beschriebene Pfad der Erkenntnis im Kern mit den voreuropäischen Lehren verwandt. Steiner habe in Anknüpfung an das Autonomiebestreben des modernen Menschen großen Wert darauf gelegt, die Selbstständigkeit seiner Schüler:innen zu wahren: „Im eigenen scharfen Denken hat man den wahrsten inneren Führer. Da ist dann der Guru nur noch der Freund des Schülers, der Ratschläge gibt. Den besten Guru erzieht man sich selbst in der eigenen Vernunft“ (GA 95, 121 f.).
Das Ziel spiritueller Erkenntnis, die in der vedischen Tradition als Brahmavidya (Wissenschaft des Absoluten) und von Steiner schlicht als Geisteswissenschaft bezeichnet wird, ist die Entwicklung des Bewusstseins von der Ebene der Vergänglichkeit auf die der Ewigkeit. Da Veiga vertritt ferner die Auffassung, dass die pauschale Ablehnung spiritueller Erkenntnis bei Steiner als unwissenschaftlich nicht berücksichtigt, dass Spiritualität das älteste Menschheitsgut sei und daher einem Neoeurozentrismus das Wort redet.
Das anschließende Gespräch kehrte mit der Fragestellung, inwiefern eine spirituelle Wende im Sinne einer Kultur personaler Transformation gegenwärtig notwendig sei, in gewisser Weise an den Beginn der Tagung zurück. Denn wiederum stand die Frage nach der Bedeutung von Spiritualität als einem „Pfahl im Fleisch“ einer positivistisch-materialistischen Weltdeutung im Raum.
In der abschließenden Feedback-Runde war man sich einig: In wohltuendem Gegensatz zu Diskussionsrunden, welche in medialer Öffentlichkeit stattfinden, habe das Expert:innenkolloquium Gelegenheit gegeben, einzelnen, insbesondere kontrovers gesehenen Themen vertieft nachzugehen, eigene Positionen zu überdenken und Perspektiven der Gesprächspartner:innen in einem offenen Lernprozess aufzugreifen. Es wurde der Wunsch nach einer ähnlich konzipierten weiteren Tagung, vielleicht mit einer etwas stärkeren thematischen Fokussierung, geäußert.
