Stéphanie Majerus hat im Rahmen ihrer Dissertation den auf den ersten Blick ungewöhnlichen und überraschenden Ansatz verfolgt, die biologisch-dynamische Landwirtschaft aus religionsanthropologischer Perspektive zu erforschen. Sie betritt damit ebenso wenig die gewohnten Pfade der naturwissenschaftlich-komparativen agrarischen Evaluationen wie die Ebene des rein praktischen Erfahrungsaustausches zwischen den mit diesen Anbaumethoden arbeitenden Landwirt:innen. Im Kern geht es ihr vielmehr um die Frage, auf welcher Weltanschauung die biologisch-dynamische Landwirtschaft gründet und inwiefern diese eine spirituelle ist. Das führt sie zu einer Auseinandersetzung mit der Anthroposophie, ihrem Begründer Rudolf Steiner und einigen Praxisfeldern, die daraus hervorgegangen sind.
In ihren Untersuchungen stützt sich die Autorin auf die ethnographische Methoden. Sie besucht eine Reihe von landwirtschaftlichen Betrieben im deutschsprachigen Raum und führt vor Ort zahlreiche Interviews und informelle Gespräche. Sie arbeitet auf den Höfen mit, besucht Tagungen, nimmt an Workshops teil und wertet biologisch-dynamische Fachliteratur aus. Neben der großen Fülle empirischen Materials und reichhaltigen Erfahrungen, welche auf diese Weise gesammelt werden, entsteht mit der Zeit ein zunehmend tieferes Verständnis der Autorin für die Spezifika des Forschungsfeldes, in dem sie sich bewegt. Sie macht sich als Ethnologin zu einer Art Resonanzraum, in dem sich das Erforschte als allererstes ganz als solches aussprechen und erklingen kann, bevor es reflektiert wird. Damit nähert sie sich methodisch zugleich einer Zuhörensweise, die auch Rudolf Steiner vorschlägt, um empathisch zum Wesenhaften eines Gegenübers zu gelangen.
Stéphanie Majerus gliedert die Darstellung ihrer Forschungsergebnisse in drei Hauptthemen: der geschichtliche und inhaltliche Hintergrund der biologisch-dynamischen Landwirtschaft (33 ff.); die biologisch-dynamischen Präparate (177 ff.); und der Umgang mit der Nutztierhaltung (241 ff.). Für das erste Thema stellt sie den gesamten gesellschaftlichen und anthroposophischen Kontext dar, in den die biologisch-dynamische Landwirtschaft zu ihrem Beginn und in den folgenden Jahrzehnten bis heute eingebettet ist. Dieser Teil ist der zugleich umfangreichste und seinerseits in vier Kapitel gegliedert. Am Anfang steht die historische Situation der Landwirtschaft in Mitteleuropa zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, mit den Fragen der Bodenerschöpfung, des Kunstdüngers, der Technisierung (33 ff.). 1924 hält Rudolf Steiner vor einem vielköpfigen Fachpublikum auf einem Gut in der Nähe von Breslau eine Vortragsreihe, den sogenannten Landwirtschaftlichen Kurs, mit der die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ihren Anfang nimmt. Sie entwickelt sich in der Folgezeit zu einer immer größeren und mittlerweile auch globalen Bewegung. Inhaltliche Fragen führen zu wissenschaftlichen Forschungen; Vermarktungsfragen zu verschiedensten Kooperationen mit potenziellen Abnehmer:innen der Produkte; Finanzbedarfe zur Zusammenarbeit mit Banken, die ihrerseits nach neuen Wegen im Umgang mit Kapital suchen; und gesellschaftliche Veränderungen ziehen Notwendigkeiten politischer Positionierungen nach sich. Es gelingt Stéphanie Majerus überzeugend, die bei all diesen Aktivitäten auftretenden großen polaren Spannbreiten aufzuzeigen, beispielsweise von der Konzentration auf den eigenen Hof auf der einen bis zur Hinwendung zu gesamtgesellschaftlichen Aufgaben auf der anderen Seite. Während manche Höfe einige Produkte im eigenen Hofladen einem kleinen regionalen Interessentenkreis anbieten, beliefern andere Höfe überregional operierende Lebensmittelketten mit großen Mengen einer vielfältigen Produktpalette.
Das zweite Kapitel dieses ersten Hauptteiles (111 ff.) widmet sich Rudolf Steiner und seiner Lehre, das dritte (147 ff.) der Anthroposophie und anderen, neben der biologisch-dynamischen Landwirtschaft daraus hervorgegangenen Praxisfeldern. Für das religionswissenschaftliche Anliegen der Autorin ist es unabdingbar, herauszuarbeiten, inwiefern die Anthroposophie die biologisch-dynamische Landwirtschaft zu einer spirituellen, über die handwerklich-alltagspraktischen Alleinstellungsmerkmale hinausgehenden besonderen Landbaumethode macht. Im vierten Kapitel (157 ff.) zieht sie dann ein erstes Fazit: Aus ihrer Sicht ist die „Biodynamik […] ein im Wandel befindlicher Anthropozentrismus“ (174). Die Rolle des landwirtschaftlich arbeitenden Menschen in seinem Zusammenhang mit dem Boden, dem Himmel und allen Lebewesen seines Hofes wird aus anthroposophischer Perspektive sehr spezifisch gesehen. In einzigartiger, unverwechselbarer Weise ist der Mensch darin ein Kulturschaffender. Diese wertende Sichtweise grenzt die biologisch-dynamische Landwirtschaft markant von anderen, auch nah verwandten Wirtschaftsweisen ab. Vermutlich sind sich dessen nicht alle von ihr angezogenen Landwirt:innen vollständig und reflektiert bewusst, sie bringen es aber in vielfältiger Weise in von der Autorin dokumentierten Äußerungen zum Ausdruck.
Die Interviewpassagen, die Stéphanie Majerus aus ihrem reichen Datenmaterial zitiert, machen einen besonderen Reiz ihrer Arbeit aus. Man wird förmlich hineingenommen in die Denkbewegungen der Gesprächspartner:innen und kann ihnen bei der Suche nach Formulierungen quasi zuhören, die sie als treffend für die jeweilige komplexe Fragestellung empfinden. Die Feldforschungssituation wird dadurch erlebbar und gut nachvollziehbar. Das betrifft insbesondere die beiden folgenden Hauptthemen, die biologisch-dynamischen Präparate und den Umgang mit der Nutztierhaltung.
Die Herstellung, Anwendung und Überprüfung der Wirksamkeit der Präparate ist ein Kernanliegen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Nach Steiners Vorschlägen im Landwirtschaftlichen Kurs werden zwei Feld- und sechs Kompostpräparate verwendet. Daneben gibt es noch weitere, die nach Steiners Tod von biologisch-dynamisch aktiven Landwirt:innen wie beispielsweise Maria Thun und Hugo Erbe entwickelt wurden. Der Mensch als – nach anthroposophischer Auffassung – Mittler zwischen dem Kosmos und der Erde sowie zwischen der Materie und der geistigen Welt nimmt im Kontext der Präparate eine herausgehobene Rolle ein. Sie werden wie eine Art homöopathische Medizin für den Ackerbau auf eine jeweils sehr spezifische Weise über mehrere Monate hinweg hergestellt. Bereits die Auswahl der Zutaten und deren Verarbeitung ist innerhalb der biologisch-dynamischen Bewegung seit ihrem Beginn Gegenstand umfangreicher und teils auch kontroverser Diskussionen. Das setzt sich dann bei der Anwendung fort: In welchen Mengen welche Substanzen wie, wann und wo genau ausgebracht werden – es gilt, über alles nachzudenken und sich in ein persönliches Verhältnis dazu zu bringen. Dabei ist stets der ganze Mensch angesprochen, neben der kognitiven sind die emotionale und die volitionale Ebene gleichermaßen einbezogen. Man kann durchaus von einer kultischen Handlung sprechen; es ist keinesfalls ausreichend, mechanisch ohne innere Beteiligung etwas über den Acker zu sprühen oder in den Komposthaufen zu stecken. Daher sind die Wirkungen auch nicht nur im Bodenleben und im Pflanzenwachstum zu erwarten, sondern ebenfalls im Seelenleben der Anwender:innen. In gewisser Weise wird die Landwirtschaft durch den Umgang mit den Präparaten wieder spirituell kontextualisiert, so wie sie es in vielerlei Hinsicht über die Jahrtausende hin war. Das ist lediglich in den letzten Jahrzehnten in der konventionellen Landwirtschaft zunehmend in Vergessenheit geraten.
Das Erleben der spirituellen Ebene und der reflektierte Austausch über die damit gemachten Erfahrungen ist ungleich schwerer zugänglich als der naturwissenschaftliche Umgang mit dem sinnlich Erfahrbaren auf der physischen Ebene. Die Anthroposophie erhebt jedoch ebenfalls einen wissenschaftlichen Anspruch. Daraus resultiert für die biologisch-dynamisch Arbeitenden die Herausforderung, sich selbst zu vergewissern, was genau sie mit der Anwendung der Präparate erreichen, und darüber mit anderen in einen Austausch zu treten. Es gelingt der Autorin in eindrücklicher Weise, anhand ihres fundierten und umfangreichen Materials aufzuzeigen, wie unterschiedlich die einzelnen Akteur:innen mit dieser Aufgabe umgehen und wie divers die Resultate sind, zu denen sie gelangen.
Gleiches gilt für das dritte Hauptthema, den Umgang mit der Nutztierhaltung. Bereits in der Einleitung (9 ff.) beginnt Stéphanie Majerus unmittelbar mit der plastischen Beschreibung einer Schlachtszene und konfrontiert die Leserschaft so indirekt mit ethischen Fragen, die jegliche Form der Nutzung von Tieren als Nahrungslieferanten mit sich bringt. Aus Sicht der biologisch-dynamisch Tätigen darf man mit landwirtschaftlichen Nutztieren keinesfalls wie quasi mit Gegenständen nach Belieben verfahren. Sie sind aber auch nicht dem Menschen soweit gleichgestellt, dass sich jegliche Tötung von vornherein verbietet. Aus anthroposophischer Sicht hat der Mensch das Recht, Tiere evolutiv zu Nutztieren zu verändern und mit ihnen und ihren Produkten sorgfältig und ehrfurchtsvoll umzugehen. Das wirft zugleich – ähnlich wie bei den Präparaten – eine Fülle grundlegender Fragen auf: Auf welche Weise wirkt man als Züchter:in auf die natürliche Evolution ein? Wie sind Nutztiere artgerecht zu halten? In welchem Umfang ist es vertretbar, sie und ihre Produkte für menschliche Bedürfnisse zu nutzen? Auf welche Art sollte man ihnen das Leben nehmen? Letzteres ist im biologisch-dynamischen Kontext in jedem Fall erforderlich, da Kühe nur nach dem Kalben Milch geben und man nicht dauerhaft beliebig viele Bullenkälber aufziehen und als erwachsene Tiere halten kann. Die Rinderhaltung (insbesondere die von Kühen) ist andererseits kaum vermeidbar, da ihren Ausscheidungen als wertvollem Dünger sowie ihren Hörnern, ihrem Darm und ihrem Bauchfell für die Präparateherstellung eine herausgehobene Bedeutung zukommt. Auch bei diesem Thema vermag die Autorin substanziell und sehr ertragreich herauszuarbeiten, wie groß die Bandbreite der vertretenen und diskutierten Auffassungen in der biologisch-dynamischen Bewegung ist.
Die vorliegende Dissertation ist somit eine äußerst anregende Fundgrube für alle, die sich einen Überblick über die biologisch-dynamische Landwirtschaft verschaffen und etwas über ihre Alleinstellungsmerkmale, ihren gesellschaftlichen Kontext, ihre Hintergründe und ihre spirituelle Dimension erfahren wollen. Inwieweit es daneben gelungen ist, letztere religionswissenschaftlich zu verorten, bleibt dem Urteil der Leserschaft überlassen. Stéphanie Majerus weist explizit darauf hin, wie schwer es anthroposophisch engagierten Biodynamiker:innen fallen kann, ihre gelebte Innensicht fragenden Außenstehenden so mitzuteilen, dass sich beide Seiten verstanden fühlen. Die spirituellen Aspekte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft – und nicht nur dieser – entziehen sich allzu leicht einem Vokabular, das ursprünglich in anderen Kontexten entwickelt wurde. Gleichzeitig wird es benötigt, um über den persönlichen Erfahrungsraum hinauszugelangen und in einen breiteren Diskurs einzutreten. Es wäre außerordentlich begrüßenswert und zu wünschen, dass es der Autorin mit ihrem Buch gelingt, einen solchen zeitgemäßen und notwendigen Austausch anzuregen!
