Grundzüge der Steiner-Forschung
1.
Es gibt in der Philosophie, ähnlich wie in der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, die Eigenart, Forschung auf Autoren bzw. Personen zu beziehen. So spricht man beispielsweise von einer Aristoteles-Forschung, einer Fichte-Forschung, einer Heidegger-Forschung oder in anderen Fächern von einer Borges-Forschung, einer Goethe-Forschung oder Rubens-Forschung. In diesem Sinne wird auch neuerdings von einer Steiner-Forschung gesprochen. Dieser Ausdruck hat sich im Zuge der Erstellung der Rudolf Steiner Schriften – Kritische Ausgabe (SKA) im Verlag frommann-holzboog eingebürgert und war vorher so nicht vorhanden, da Steiner – bis auf wenige Ausnahmen – kaum akademisch-philosophisch rezipiert worden ist. Das ist auch heute noch eher die Ausnahme. Mit dem Fortschritt der SKA, der Etablierung akademischer Studiengänge mit anthroposophischem Bezug und ersten wissenschaftlichen Peer-Review-Journals wie RoSE (Research on Steiner Education) und den Steiner Studies ist eine neue Dynamik entstanden.
Insbesondere für die Steiner Studies lohnt es sich, darüber nachzudenken, was mit dem Vorhaben der Steiner-Forschung nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im engeren Sinne gemeint ist oder gemeint sein könnte, und welche Fragen und Themenfelder sich dabei anbieten.
Verlässliche Quellen der Forschung
1.1
In den Schriften Steiners trifft man auf unterschiedlichste Untersuchungen oder Darstellungen zu Themen und Sachfragen wie etwa zur Erkenntnistheorie, zur Ethik, zu Literatur und Kunst, dann aber auch zur spirituellen Entwicklung des Menschen, zu Meditation, zu Inhalt und Bedeutung von mythologischen und religiösen Überlieferungen oder zu esoterischen Ideen der Kosmos- und Menschheitsgeschichte.
Neben den Schriften Steiners steht sein umfangreiches Vortragswerk, in dem er sich zu einer nahezu unübersehbaren Vielfalt und Heterogenität von Themen geäußert hat. Die bekanntesten und wirkmächtigsten sind die Vorträge zur Pädagogik, Medizin oder Landwirtschaft, zur Karma-Lehre oder zur Kunst und Eurythmie. Zu den Textgattungen der Schriften und Vorträge kommen Briefe hinzu, Anekdoten und die Praxis bzw. die Theorien derjenigen, die ihr Handeln in den sogenannten Praxisfeldern auf Steiner beziehen.1 Des Weiteren ist auf Steiners bisher kaum beachtete Arbeit auf dem Gebiet der bildenden Kunst2 – auf das malerische, zeichnerische und architektonische Werk Steiners – hinzuweisen.
Es ist das Bemerkenswerte an der über einhundertjährigen Steiner-Rezeption, dass insbesondere die am ehesten mit Steiner in Verbindung gebrachten Themen nicht seinem im engeren Sinne schriftstellerischen Werk entstammen, sondern dass sie sich vor allem auf das Vortragswerk, das heißt auf die nur zum Teil von Steiner autorisierten Mitschriften von Vortragszyklen oder Gedächtnisprotokolle von Teilnehmern stützt.
Die divergente Quellenlage von Steiners ‚schriftlichem Nachlass‘ sowie die damit verbundenen unterschiedlichen Themenfelder werden in der Kommentierung seiner Lehre in ihrer systematischen oder kontextuellen Relevanz oft nicht hinreichend unterschieden, werkgeschichtlich eingeordnet oder systematisch gewichtet. Alles, was irgendwie schriftlich überliefert ist, wird häufig undifferenziert und dem jeweiligen Schreibanlass und Interesse gemäß verwendet.
Um das Feld der Steiner-Forschung sachlich angemessen bestimmen zu können, ist es jedoch sinnvoll, ja notwendig, die Unterschiede zwischen den Textgattungen und Quellen im Blick zu behalten.
Die verlässlichsten Quellen für die beginnende Steiner-Forschung, insofern es um die zentralen Lehren geht, sind die Primärtexte. Denn in ihnen richtet sich Steiner als Autor öffentlich an ein allgemeines Publikum, um Ideen und Sichtweisen, die ihm relevant erscheinen, darzustellen. Zu diesen Quellen können auch Aufsätze, Vorträge, die er selbst redigiert oder in Form eines Autorreferats publiziert hat, gerechnet werden. Auch hier ist davon auszugehen, dass es sich um originäre Aussagen für ein allgemeines Publikum handelt. Steiner-Forschung, die sich auf diese Quellen bezieht, hat eine solide Grundlage. Und so kann man heute sagen, dass die SKA diese verlässliche Grundlage für eine seriöse Steiner-Forschung bildet.3
Zur Differenz: Steiners Forschung und Steiner-Forschung
1.2
Zentraler Inhalt der Schriften Steiners ist das, was er zunächst ‚Geisteswissenschaft‘, dann ‚Theosophie‘ und ‚Geheimwissenschaft‘, schließlich ‚Anthroposophie‘ genannt hat. Diese Ausdrücke bezeichnen und umschreiben für Steiner eine empirische, den Naturwissenschaften vergleichbare (Erfahrungs-)Wissenschaft des Geistes, in der es neben philosophischen und literaturwissenschaftlichen Problemstellungen auch um spirituelle und esoterische Themen, wie z. B. den Reinkarnationsgedanken, oder um anthropogenetische respektive kosmogenetische Vorgänge und Ähnliches mehr geht.
Im Sinne der Steiner’schen Anthroposophie4 sind die dabei aufgewiesenen, beschriebenen und erörterten Sachverhalte Ergebnisse spiritueller, gleichwohl durchdachter Empirie und Methodologie. Das heißt, sie beruhen nicht – wie etwa die klassische Theosophie – auf einer mehr oder weniger fraglosen Übernahme von Methoden, Theoremen oder ausgewählten Inhalten esoterischer, philosophischer oder religiöser Weltanschauungen und Denktraditionen. Und ihre methodologische Bedeutung erschöpft sich auch nicht in ihrem bloßen Nachweis. Über die faktische Gegebenheit hinaus werden sie von Steiner aus ihrer komplementären Funktion und Ergänzung zu den Erkenntnissen einer materialistischen (Natur-)Wissenschaftsauffassung, das heißt im Sinne des von Steiner vertretenen Monismus, verstanden.
Nun lässt sich gegen ein solches, vom Anspruch her wissenschaftliches ‚anthroposophisches‘ Verfahren unter Einbezug des ‚Übersinnlichen‘ und Esoterischen und gegen dessen Ergebnisse, unter der Voraussetzung eines spezifischen Erkenntnisbegriffs und dessen methodologischer Prämissen – etwa in Anwendung des Erkenntnisbegriffs von Locke, Hume oder Kant – die Auffassung vertreten, dass auf dem Weg spiritueller Empirie und Methodologie ein gesichertes Wissen über die in Rede stehenden metaphysischen oder psychologischen Sachverhalte und Zusammenhänge nicht möglich sei. Demzufolge wäre auch die Methode eines ‚spirituellen Empirismus‘ kein geeignetes Instrumentarium, um zuverlässige und allgemein verifizierbare, empirische Erkenntnisse zu erwerben und zu begründen. Allerdings muss zunächst eingeräumt werden, dass die Anthroposophie, unter der Voraussetzung, dass dies möglich sei, von Steiner methodologisch auf dieser Grundlage konzipiert, entwickelt, vertreten und angewandt wurde. Setzt man das voraus, dann beruht anthroposophische Forschung im Wesentlichen nicht auf Textexegesen, sondern auf praktischer, meditativer Entdeckung, reflektierter Analyse und gedanklicher Durchdringung von geistig-seelischen Bewusstseinsphänomenen.5 Für das ideengeschichtliche Verständnis und Selbstverständnis dieses Verfahrens, seiner Genese und Kontexte oder als Empfehlungen zur Schulung des anthroposophischen Denkens spielen darüber hinaus auch die Lektüre, das Studium und die Interpretation philosophischer, theologischer, wissenschaftlicher und esoterischer Schriften sowie das Wissen über, im engeren Sinne, naturwissenschaftliche Zusammenhänge eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zentral aber geht es anthroposophischer Forschung um eine im Anspruch rationale, empirisch begründete und anwendungsorientierte Durchdringung von Phänomenen der Welt des Geistes oder der Seele, um deren Geschichte und Wirkungszusammenhänge und nicht zuletzt um deren – individuell wie gesellschaftlich auszuschöpfendes – Potential für die bewusste und erkenntnisgeleitete Entwicklung eines ganzheitlichen ‚Menschentums‘.
Von diesem (Selbst-)Verständnis anthroposophischer Forschung ist das Modell und der Begriff der Steiner-Forschung im Sinne eines distanzierten, akademisch-wissenschaftlichen Forschungs- und Diskursprojektes zu Leben, Werk und Wirkungsgeschichte Rudolf Steiners sowie zu der von ihm begründeten und an seiner Lehre ausgerichteten anthroposophischen Bewegung zu unterscheiden.
Trotz dieser forschungswissenschaftlichen Differenz lässt sich auch das, worauf es der anthroposophischen Forschungsmethode ankommt, und zwar unter den Voraussetzungen eines kritischen akademischen Wissenschaftsverständnisses, sinnvoll, das heißt sowohl inhaltlich als auch methodologisch und ideengeschichtlich ertragreich erörtern. Seriöse Beispiele hierfür lassen sich allein in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts – von Husserl bis Sloterdijk, von Heidegger bis Hanegraaff – zahlreich benennen.
Anthroposophie und Philosophie
1.3
In diesem Zusammenhang ist eine weitere wissenschaftstheoretische Differenz kritisch zu hinterfragen. Zwar lässt sich die geisteswissenschaftliche Anthroposophie nicht als Philosophie in einem landläufigen Sinne, das heißt als Suche nach Erkenntnis der Wirklichkeit im Medium des begrifflichen Denkens, als komparative Analyse philosophiegeschichtlicher Positionen oder als Untersuchung und Klärung von Begriffen und Argumenten verstehen.6 Insofern hat die Unterscheidung zwischen Philosophie und Anthroposophie Plausibilität. Gleichwohl aber sind analytisches, philosophisches und ideengeschichtliches Denken integrale und unabdingbare Bestandteile der Anthroposophie, indem sie sowohl den Erkenntnisweg spiritueller Empirie analytisch und erklärend begleiten als auch die auf diesem Wege ermittelten Sachverhalte, Strukturen, Vorgänge und Zusammenhänge sinnhaft-verständlich und wirklichkeitsbezogen reflektieren, prüfen, auslegen und geistes- und menschheitsgeschichtlich angemessen kontextualisieren.
Forschungsfelder
2.
Die folgende Skizzierung möglicher Forschungsfelder einer kritischen7 Steiner- und Anthroposophie-Forschung erhebt weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Systematik. Sie versteht sich als Anstoß für ein produktives Nachdenken und als Eröffnung eines Diskurses über das, was Inhalte und Kontexte einer seriösen Steiner-Forschung sein könnten.
Werkimmanente Transformationen und Kontexte
2.1
Das erste Feld eines möglichen Konzepts der Steiner-Forschung sollte sich auf das beziehen, was in den Primärtexten/Schriften Steiners gesagt und gemeint ist und was sozusagen überhaupt wesentliche Inhalte von Steiners Denken sind. Diese Perspektive ist nicht trivial, und zwar nicht nur wegen des bereits erwähnten oft unkritischen Umgangs mit den schriftlichen Quellen, sondern vor allem wegen des im Laufe der Entwicklung von Steiners Denken zu konstatierenden sprachlichen Wandels in den Primärtexten. Diese Transformation nötigt dazu, Begriffe und Ausdrucksweisen hermeneutisch und werkkontextuell zu erschließen und zu gewichten. Denn bestimmte signifikante Begriffe werden von Steiner in sehr unterschiedlichen Nuancierungen und Kontexten verwendet. So wird ‚Intuition‘, ein Kernbegriff Steiner’schen Denkens, sowohl in der Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) als auch in der Philosophie der Freiheit (1893) und in der Geheimwissenschaft im Umriss (1910) verwendet. Beim Gebrauch des Begriffs der Intuition wäre dann zu klären, in welchem Sinne er verwendet und aus welchen gedanklichen Kontexten er entnommen oder auf welche Kontexte er bezogen wird. Meint er in den verschiedenen Kontexten Unterschiedliches, Ähnliches oder gar Deckungsgleiches? Das heißt: Die Klärung und Diskussion von Begriffen, ihrer Bedeutungen und semantischen Transformationen ist unabdingbare Voraussetzung, um die von Steiner verhandelten Sachverhalte im Einzelnen oder in einem allgemeinen Sinne adäquat diskutieren zu können. Auch die bereits aufgeworfene Frage nach Unterschieden und Zusammenhängen zwischen der explizit anthroposophischen und der vor- oder implizit anthroposophischen Periode des Steiner’schen Denkens gehört in dieses Forschungsfeld der Transformation.
Hermeneutische Zugänge
2.2
Ein weiteres Feld betrifft die Diskussion darüber, welche Art von Hermeneutik gegenüber Steiners Denken und Werken angemessen ist. In diesen Kontext gehören die hermeneutischen und heuristischen Fragen nach Genre, Situation, Struktur, Referenz, Geltungsanspruch, nach logischem, ästhetischem und performativem Zugang zu Steiners Werken.8 Wenn etwa die zweite Auflage der Philosophie der Freiheit mit „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“ untertitelt ist und im Vorwort zur selben Auflage darauf hingewiesen wird, dass die Philosophie der Freiheit keine Wissensinhalte vermittele, sondern das selbständige Beobachten anrege, der Autor also keine Theorie zu vermitteln, sondern Ergebnisse einer Phänomenologie des Bewusstseins vorzustellen beabsichtigt, dann hat das notwendigerweise hermeneutische Konsequenzen für die Erschließung, die Diskussion und die Beurteilung des Textes. Soll im Zentrum der Erörterung die Performanz oder die Logik, die Methode oder der Inhalt oder beides stehen und wenn, in welcher Gewichtung und mit welchem Geltungsanspruch? Haben wir es mit einem Sachtext oder einem Schulungs- und Anleitungstext, mit symbolischen oder buchstäblichen Aussagen zu tun? Der kritisch-hermeneutische Zugang zu Steiners Werk kann so zum Schlüssel für einen adäquaten Umgang mit ihm werden.
Geistes- und zeitgeschichtliche sowie biographische Kontexte
2.3
Aus der Biographie Steiners, die selbst noch hinreichend Anlässe zur Erforschung gibt, und aus seinen Schriften ist bekannt, dass er sich intensiv etwa mit Herbart, Goethe, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Stirner sowie mit Geistesgrößen seiner Zeit – Nietzsche, von Hartmann, Haeckel, Schuré usw. – beschäftigt hat. Darüber hinaus war er mit der literarischen, mystischen, theosophischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Ideenbildung der europäischen Geistesgeschichte insgesamt und mit vielen Aspekten der altindischen Weisheitslehren vertraut.9 Des Weiteren war Steiners Leben und Werk in wissenschaftstheoretische, politische, ideologische, gesellschaftliche, kulturelle Zeitströmungen eingebunden. Für eine kontextualisierende Betrachtung und Einordnung seines Werks ist damit die Berücksichtigung sowohl der ideengeschichtlichen wie auch zeitgeschichtlichen Kontexte und Einflüsse, mit denen sich Steiner auseinandergesetzt hat, konstitutiv. Wozu nicht nur die seinerzeit virulente, gleichwohl prekäre über Darwin begründete und von Haeckel vertiefte biologistische Rassen- und Eugenik-Lehre, sondern auch die nicht zuletzt durch Nietzsche ausgelöste und nach dem Ersten Weltkrieg vertiefte Orientierungskrise im Zeitalter des Nihilismus und der Dekadenz zu zählen sind. Es stellt sich hier die Frage, inwiefern Teile oder Aspekte seines Werkes direkt oder indirekt von diesen ideen- und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen beeinflusst und damit aus diesen Zusammenhängen zu verstehen, das heißt zu kontextualisieren sind.
Ein besonderer Aspekt der Kontextualisierung betrifft auch Steiners Biographie selbst. Durch Lindenbergs, Zanders und Hoffmanns Steiner-Biographien10 besteht zwar im Großen und Ganzen Klarheit über die bedeutenden Stadien von Steiners Leben. Jedoch sind gerade im Hinblick auf einzelne Schaltstellen seiner Bildungsbiographie noch viele Fragen offen. Welchen Einfluss hatten etwa Steiners Studien beim ‚Herbartianer‘ Zimmermann in Wien, bei dem er bereits um 1880 mit der Idee einer Anthroposophie bekannt gemacht wurde? Auch Steiner und der Neukantianismus, seine Beziehung zu E. v. Hartmann oder zu Haeckel, Nietzsche und Schuré, seine pädagogischen Ambitionen und bildungsdidaktischen Reflexionen aus seiner Berliner Zeit gehören zu den wenig erforschten, gleichwohl bedeutsamen Themen seiner frühen, mittleren und späteren Bildungsbiographie. Auch die Zusammenhänge und Differenzen zwischen Steiners esoterischen Hauptwerken und den thematisch verwandten Arbeiten aus dem Umfeld Blavatskys, Besants und anderer Theosophen sind alles andere als gut erforscht, dokumentiert und werkgeschichtlich eingeordnet.
Nicht zuletzt gab es Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Weggefährten und Weggefährtinnen in Steiners Umfeld, deren Einflüsse auf Ideen und Entwicklungen seines Denkens zu erforschen und zu beachten sind, um auch von dieser Seite einer Mystifizierung Steiners als esoterischer Solitär vorzubeugen. Exemplarisch sei hier etwa auf den Einfluss von Ita Wegmann auf die Ausbildung der anthroposophischen Medizin oder auf den von Marie von Sievers auf die Ausbildung der Eurythmie hingewiesen.
Möglichkeit und Wege zu übersinnlicher Erkenntnis
2.4
Eine grundsätzliche Frage betrifft die von Steiner postulierte Möglichkeit einer nach eigenen Gesetzen zu vollziehenden autonomen geistigen oder übersinnlichen Erkenntnis. In seinem Werk findet man Ausführungen z. B. zur kosmologischen Entwicklung oder zum Wirken bestimmter Eingeweihter oder initiierter Menschen und höherer Wesen und vieles mehr, die Anspruch darauf erheben, Ergebnis autonomer geistiger Forschung zu sein. Dabei handelt es sich nicht um Zitate oder Paraphrasen aus alten religiösen Texten und auch nicht um Ergebnisse philosophischer Schlussfolgerungen oder Spekulationen und noch weniger um Belletristik, also um Produkte bloßer Fantasie oder Einbildungskraft. Steiner behauptet dagegen, einen Schulungsweg (wieder-)entdeckt zu haben, über den die Fähigkeit der Beobachtung geistiger Sachverhalte erworben und entwickelt werden kann. Durch sie sei es möglich, eigenständig diese Phänomene zuverlässig zu erkennen, und zwar so evident, wie es möglich ist, physische Realitäten, wie etwa die Existenz von Eisbären, beobachten und beschreiben zu können. Freilich ist dieser Anspruch nicht neu. Denn er gilt ebenfalls für das voreuropäische indische Denken, die europäische Gnostik und Mystik und auch für die philosophische Tradition, auf die sich Steiner hauptsächlich beruft.11 Eine philosophische Erörterung und Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen übersinnlicher Erkenntnis und darüber, ob und wie Steiners anthroposophischer Forschungsansatz mit diesen Traditionen – etwa auch mit den Methoden der altindischen Brahmavidyia – zusammenhängt oder sich im Einzelnen von ihnen unterscheidet, gibt es bislang so gut wie nicht.
Wirkungsgeschichte
2.5
Ein weiteres Forschungsfeld betrifft die Wirkungsgeschichte Steiners. Hier steht sowohl die Frage nach dem affirmativen Einfluss auf andere Denker, Politiker, Autoren oder Künstler (Joseph Beuys als vielleicht prominentestes Beispiel) als auch die Frage nach der ablehnenden und polemischen Rezeptionsgeschichte im Raum. Bei dieser Art von Auseinandersetzungen und deren Analyse geht es weniger um die Wahrheit der in Rede stehenden Sachverhalte oder Ideen Steiners, als vielmehr um deren Transformation, Wirkung oder Wirksamkeit unter dem Gesichtspunkt der ideologiekritischen Frage nach den Gründen und Hintergründen von Polemik und Apologetik.12 Nicht unerheblich ist in diesem Zusammenhang die Frage danach, ob es sich jeweils um Transformationen und Wirkungen handelt, die aus Steiners Werken sachlich hervorgehen, oder ob sie lediglich mit ihnen subjektiv assoziiert werden. Ein mit der wirkungsgeschichtlichen Problemstellung zusammenhängendes Forschungsfeld erstreckt sich auf die Untersuchung der sogenannten ‚Praxisfelder‘ der Anthroposophie und deren Sinn- und Bedeutungszusammenhang mit den zentralen Ideen der Steiner’schen Geisteswissenschaft.
Anthroposophische Gesellschaft und anthroposophische Bewegung
2.6
Ein weiteres Feld der Steiner-Forschung liegt in der Beforschung der anthroposophischen ‚Bewegung‘ und Gesellschaft und ihrer historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklung, insbesondere unter den sich verändernden kommunikativen und interaktiven Bedingungen der Internationalisierung, Globalisierung und Digitalisierung. Wobei hier auch Fragen nach dem Wandel von einer eher eurozentrischen zu einer universalistischen ‚Weltkultur‘ oder die nach Adaptionen, Transformationen und Auslegungen der Anthroposophie im Rahmen unterschiedlicher kulturspezifischer Kontexte relevant sein können.
Notes
[1] In heilpädagogischen Einrichtungen der Camphill-Bewegung gibt es beispielsweise die Praxis der regelmäßigen Bibellektüre oder es gibt Waldorfschulen, die eine Nähe zur Christengemeinschaft pflegen. Diese Praxis soll hier nicht kritisiert werden, sie ergibt sich jedoch nicht aus der Pädagogik Steiners und ist auch nicht konstitutiv für diese, sondern beruht auf persönlichen Entscheidungen in bestimmten Institutionen.
[2] Eine Ausnahme bilden hier die großen Ausstellungen in verschiedenen renommierten Museen zu Steiners Wandtafelzeichnungen.
[3] Die Wende zur historisch-kritischen Methode bei der Herausgabe von Steiners Werken lässt sich auch an der zurzeit laufenden Überarbeitung der im Rudolf Steiner-Verlag Dornach erscheinenden Bände der Mitte der 1950er Jahre begonnenen Rudolf Steiner Gesamtausgabe feststellen.
[4] Als ein Thema kontextkritischer Forschung stellt sich im Hinblick auf den von Steiner für seine Lehre verwendeten Terminus ‚Anthroposophie‘ die Frage nach dessen ideengeschichtlicher wie systematischer Herkunft und Bedeutung. Woraus sich einerseits das Problem einer legitimen Verwendung dieses Begriffs für Arbeiten ergibt, die vor der Gründung der anthroposophischen Gesellschaft (1912/13) und der Einführung von Steiners Lehre als Anthroposophie verfasst worden sind, und was anderseits die Frage nach dem werktheoretischen und kontextuellen Zusammenhang zwischen der voranthroposophischen und der explizit anthroposophischen Phase in Steiners Denken aufwirft.
[5] Vgl. hierzu den von Sloterdijk geprägten systematischen Terminus des „Weitwinkel-Empirismus“. Sloterdijk bezieht sich mit diesem Begriff auf William James’ Vorlesungen über die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur (1901/02) und den darin von James geführten „Kampf für den Empirismus als Gesinnung unbedingter Offenheit für die Weite der ganzen Erscheinungswelt“ sowie die von ihm vertretene, von seinen akademischen Kollegen des Öfteren beargwöhnte Toleranz gegenüber der „Vielfalt des [spirituell/religiös] Wirklichen“ (Sloterdijk [2022], 24 f.).
[6] Bei diesem Philosophieverständnis handelt es sich bereits um eine auch zum Teil von Steiner selbst vertretene spezifisch neuzeitliche Auffassung über das Wesen der Philosophie. Was unter anderem daran abgelesen werden kann, dass sich diese begriffs- und argumentationsorientierte oder logozentrische Auffassung weder mit dem Philosophieverständnis Platons oder Spinozas, Fichtes, Husserls, Wittgensteins, James’ oder Taylors vollständig in Übereinstimmung bringen lässt. Diese Denker vertraten und vertreten ein durchaus weiteres Philosophieverständnis, in dem das begriffliche Denken nur einen, wenn auch wesentlichen Teil einer vollständigen Erkenntnis, eines dem entsprechenden, umfassenderen Wissens sowie einer darauf gegründeten philosophischen Überzeugung ausmacht.
[7] Kritische Forschung bedeutet aus unserer Sicht weder eine voraussetzungshafte Zustimmung noch Ablehnung der Darstellungen Steiners, sondern eine differenzierte Herangehensweise bei der Erschließung und Diskussion derselben, die den eigenen methodischen Standpunkt und seine Bedingtheit ebenfalls zu reflektieren in der Lage ist. Vgl. hierzu Nagel (2012).
[8] Vgl. hierzu Kaiser (2020),170 u. 209.
[9] Vgl. hierzu Paull (2018), 21–46.
[11] Durch die Wiederentdeckung der erfahrungsbasierten, religionswissenschaftlichen Studien von James (1902) und Taylor (2002) ist exemplarisch erkennbar, dass der Denkansatz zum Thema ‚Wirklichkeit des Übersinnlichen‘ auch in der gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Diskussion weiterhin präsent ist.
[12] Vgl. hierzu den Begriff der ‚Counter-Dependenz‘ in: Traub (2023), 231–255.
